Tschechien – Deutschland 1:2 (0:1)

WM-Qualifikationsspiel; Eden-Arena Prag (20617 Plätze); 18093 Zuschauer (5000 Gäste)

Wer einmal in Prag war kommt immer wieder, so sagt man. Die „Goldene Stadt“ hat ein unglaubliches Talent, seine Gäste zu verzaubern. Da kommt solch ein Länderspiel doch gerade Recht, das Schöne mit dem Sportlichen zu verbinden. Und so starteten wir mit knapp 50 Reiselustigen aus dem Rheinland gen Osten, in das für Biertrinker und Würstchenkenner gelobte Land.

In Prag findest du die unterschiedlichsten Milieus vereint. Zum einen natürlich die Prager Innenstadt um die Karlsbrücke, welche von Touristen geradezu geflutet wird und wo man sich mit all dem auseinander setzen muss, was ein solcher Magnet zu bieten hat. Von überteuerten Restaurants mit mäßigem Essen angefangen, bis hin zu den vielen  Nippesverkäufern und Taschendieben. Doch etwas außerhalb des Zentrums der Stadt kann man diese ganz entspannt genießen. Kulinarisch in jedem Falle, aber auch was die Abendgestaltung angeht. Man muss sich also nicht zwangsläufig durch die feierwütigen Tourimassen aus England oder Deutschland zwängen, es gibt durchaus Orte in der Hauptstadt der Tschechei, die eine gute Alternative zum touristischen Zentrum bieten.

Mit unserem bequemen Reisebus machten wir uns über Nacht auf die Straße und nach einem halben Tag und reichlich Philosophiererei über den Fußballgott und die heutige Fußballwelt, kamen wir Freitagmittag an unserem Hotel und 15 Grad warmen Dauerregen an. Schreckliches Herbstwetter in einer wundervollen Stadt.

Allerdings stand dieses Länderspiel unter einem besonderen Stern. Denn die letzten Wochen im deutschen Fußball lassen auch die Nationalmannschaft nicht unberührt.  Angefacht natürlich durch die Kampagne „Krieg dem DFB“, in der der DFB frontal angegriffen wurde. Dennoch wurde die Kommunikation gesucht und vielleicht kann diese die „Gegner“ letztlich und hoffentlich wieder näher zueinander führen. Zum anderen die jedes Wochenende angesprochene Problematik rund um den Spieler Timo Werner, der nach seinem Wechsel zum Leipziger Retortenclub und der geleugneten Schwalbe gegen Schalke als eine Projektionsfläche für jeden Gegner des Projektes herhalten muss.

Oliver Bierhoff wollte diese beiden Themen (laut Reviersport) am liebsten ignorieren. Beschimpfungen gegen den Verband? „Das ist die Ansicht einiger Fans, das muss man akzeptieren. Ich würde kein riesiges Drama daraus machen.“ Anfeindungen gegen Werner? „Das sind Einzelfälle. Das interessiert uns nicht.“

Mit solchen Aussagen und einem weiteren Interview im Kicker-Sportmagazin, trug er jedoch nicht zur Beruhigung der Lage bei, im Gegenteil! „Wenn jemand den DFB angreift, greift er die Nationalelf an, denn die Nationalmannschaft ist auch DFB“. Damit verknüpft er die sportpolitische und regulative Stellung des DFB automatisch mit der Nationalmannschaft, die so stärker noch als sonst zur Zielscheibe der Kritiker werden dürfte. Wenn Herr Bierhoff zu guter Letzt sogar die Geldströme aus Katar als einen ungefährlichen Trend ausmacht und die positive finanzielle Wirkung auf die Bundesliga herausstellt, spätestens dann entfernt er sich von der breiten Masse, die einfach nur „ihren“ Sport in einer mit fairen Rahmenbedingungen ausgestatteten Umgebung erleben will. So wenig wie Borussia Dortmund oder der FC Schalke 04 mit der DFL gemeinsam haben, genauso wenig hat der DFB sportlich gesehen mit der Nationalmannschaft zu tun.   Natürlich beruft er die Akteure in den Kader und stellt die Trainer und sonstigen Mitarbeiter ein, doch mit dem Betrieb in der Liga und der dazugehörigen Sportgerichtsbarkeit zum Beispiel hat die N11 nichts zu tun. Interessant war es also zu beobachten, wie sich unter anderem die Aussagen von Herrn Bierhoff und die grundsätzliche Stimmung gegen den DFB auf die Atmosphäre beim anstehenden Länderspiel auswirken würden.

Bevor wir uns jedoch davon überzeugen konnten, musste natürlich erst einmal eine Stärkung her. Leckerer Gulasch für 4 Euro und dazu ein großes Bier für 1 runden Euro in einer typisch tschechischen Lokalität sollten eine gute Grundlage für den Besuch in der Eden-Arena zu Prag sein. Dieses kleine, niedliche Stadion mit seinen knapp 21000 Sitzplätzen war leider nicht ausverkauft, dies stand bereits im Vorfeld fest. Denn die aufgerufenen 36 Euro, auch für die Tickets der Einheimischen, wollten diese nicht wirklich bezahlen. Zumal es für die eigene Nationalmannschaft bei dieser Quali eigentlich um nichts mehr ging. Und dann so viel Geld für so ein Spiel ausgeben? Stattdessen verzichtete der tschechische Verband auf eine Beschränkung beim Ticketverkauf, die es deutschen Zuschauern somit ermöglichte, auch in den heimischen Blöcken Tickets zu erwerben. Spätestens damit war klar, dass der Verkauf der personalisierten deutschen Tickets umgangen werden konnte und sich garantiert einiges an Problemklientel auf die Reise in das Nachbarland machen würde.

Und genau so kam es natürlich auch. Nach und nach tauchten immer mehr von den optisch und akustisch leicht auszumachenden erlebnisorientierten Jungs im Stadionumfeld auf und eine seltsam Testosteron geschwängerte Luft machte sich breit. An einem Nebeneingang kam es dann plötzlich zu heftigen Gerangel und die Polizei musste mit aufgesetzten Helmen und unter dem Einsatz von Schlagstöcken einen Sturm des Stadions verhindern, was jedoch nicht gelang. So wurden Unbeteiligte und Ordner einfach über den Haufen gerannt und so lange gegen das Einlassgitter gedrückt, bis dieses schließlich nachgab und so einige Dutzend der „Problemfans“ ohne Ticket- oder Körperkontrolle ins Stadion und dort neben den Gästeblock gelangen konnten.

Was sich danach vor und während des Spieles vor allem in diesem Bereich der Kurve abspielte, wäre mit dem Begriff „Fremdschämen“ noch milde ausgedrückt! Um es klar zu sagen, irgendeine Form von Protest gegen den DFB konnte man im Vorfeld sicherlich erwarten. Das obligatorische „Scheiß DFB“ oder „Fussballmafia DFB“ war natürlich im Stadion zu hören, ebenso das zweideutige „Bullenschweine“. Als ausgerechnet Timo Werner nach wenigen Minuten Spielzeit schon zur Führung direkt vor der deutschen Kurve einnetzte, wurde dieser erneut mit „Timo Werner ist ein Hurensohn“ Sprechchören verunglimpft. Anders als in der Vergangenheit wurde dieses aber von der größeren Mehrheit nicht mehr einfach nur geduldet. Es gab Pfiffe dagegen und hier und da flogen sogar Bierbecher in Richtung des Pöbels. Mittlerweile hat die große Mehrheit begriffen, dass es irgendwann auch mal genug sein sollte, einem Menschen seine Fehler nachzutragen. Sicherlich hat er Mist gebaut, doch jeder hat eine „zweite Chance“ verdient, heißt es doch immer so schön. Den negativen Höhepunkt setzte diese Gruppe Idioten allerdings damit, an das in Stadien übliche „Sieg“ ein schon lange nicht mehr bei Länderspielen gehörtes „Heil“ anzufügen und dabei den Arm zu erheben! Scheinbar war es bis auf das Spielfeld zu hören, denn spätestens diese Rufe veranlassten bekanntlich die Mannschaft dazu, sich nicht in der Kurve von den mitgereisten Fans zu verabschieden. Für mich absolut nachvollziehbar, denn damit hätte man diese Leute auch noch für ihre „Leistung“ geadelt. Und ganz ehrlich, wenn mein Kumpel und Mitspieler regelmäßig beleidigt werden würde, würde ich mich auch eher mit ihm solidarisieren, als es zu ignorieren. Als die Mannschaft mit dieser Reaktion nicht nur die 100 – 200 Deppen, sondern auch den Rest der gut 5000 im Stadion verteilten Deutschen bestrafte, erklang erneut der Ruf „Scheiß DFB“ und als die gegnerische Mannschaft in die Nähe der Kurve kam, wurde diese ihrerseits mit lautem Applaus bedacht und fast gefeiert.

Alles in allem ein eigenartiges Länderspiel, das mal wieder ein Bild von „den Deutschen“ zeichnete, welches wir eigentlich schon überwunden glaubten. Gelebte Homophobie, Rassismus und Intoleranz anderen gegenüber konnte man auch nach dem Spiel in den Straßenbahnen Richtung Innenstadt erleben. Selbst den deutschen Fans gegenüber war man sich nicht zu fein, selbige zu bedrohen, von der Seite anzumachen oder aggressiv sein eigenes Fortkommen zu beschleunigen. Diesen Leuten ist es auf deutsch gesagt Scheiß egal, was andere von ihnen denken. Gut gemeinte Appelle oder kritische Berichterstattung darüber interessieren sie nicht und wirken eher noch als Bestätigung des eigenen Verhaltens. Erst Recht, wenn in Gruppen aufgetreten wird, dann braucht man gar nicht versuchen, eine Diskussion über diese Themen zu beginnen. Von guter Erziehung oder halbwegs gelungener Kinderstube ist, besonders nach ein paar Bier, nichts mehr zu spüren. Traurig, doch wenn man genauer hinschaut zeigt sich, dass dies KEIN Fußballspezifisches Problem darstellt, sondern ein Gesellschaftliches! Wer in seiner Prägung schon von den eigenen Eltern, Lehrern und anderen Vorbildern in diese Richtung geschickt wird, wird sie im Erwachsenenalter wohl nicht mehr so einfach verlassen. Es ist nicht nur peinlich, es ist, wie ich finde, sogar gefährlich. Wer seinen eigenen Status bei seinem Tun über den eines anderen Menschen stellt, wird sich auch von gut gemeinten Ratschlägen nicht abhalten lassen. Für solche Leute ist schlechte Presse immer auch gute Presse. Am besten und liebsten noch mit einem schönen Bild, auf dem man den erhobenen Arm oder die entzündete Pyrotechnik möglichst gut erkennen kann. Blödheit stirbt leider nicht aus.

Sportlich konnte die N11 ihren siebten Sieg einfahren, der mehr Arbeit als erwartet erforderte. Die Quali zur WM in Russland nächstes Jahr konnte jedoch so gut wie perfekt gemacht werden. Es war kein schönes Spiel und ein Unentschieden wäre sicherlich für die Gastgeber nicht unverdient gewesen.

Um die eher unschöne Stimmung im Stadion zu vergessen, ließen wir den Abend mal wieder in einer Karaokebar ausklingen und kamen so doch noch in Feierstimmung. Am nächsten Tag der Reise wurde auch das Wetter besser und die Gruppe machte sich auf ihre getrennten Wege, entweder, um diese unfassbar schöne Stadt zu erleben, sich am Strand der Moldau zu erholen oder eben, um sich mit der Fußballkultur der vierten tschechischen Liga vertraut zu machen.

SK Motorlet Prag – FK Meteor Prag VIII 5:0 (3:0)

4.Liga Devize B (Tschechien); Stadion SK Motorlet (5000 Plätze); 250 Zuschauer

Am frühen Morgen ging es also in die Peripherie von Prag, um den ersten Klassiker des Tages zu besuchen. Bei langsam warmen und sonnigen Wetter gönnte man sich ein klassisches Fußballfrühstück aus Bier und Wurst, oder wahlweise mit Käse überbackenes Graubrot. In jedem Falle lecker. Neben ein paar Einheimischen waren vor allem deutsche „Hopper“ vor Ort und die Stimmung wurde von Minute zu Minute und Tor zu Tor immer besser. Nach ein paar halben Litern Gerstensaft ließ sich der „Einarmige“ mit der Skimütze zum Spruch des Tages herab, der es auf eine allgemein akzeptierte und gewünschte Formel brachte:

Fettwurst muss bezahlbar bleiben!

SK Slavia Prag U17 – Bohemians 1905 Prag U17 2:0 (0:0)

Juniorska Liga U17; Stadion Na Chwalech (3400 Plätze); 100 Zuschauer

Nach einem Abstecher in die Jugendabteilungen einiger tschechischer Erstligisten, wo sich unserer kleinen Gruppe endgültig ein paar Jungs der „Schäng Gang“ anschlossen, ging es mit dem Taxi noch weiter raus aus der Stadt in Richtung Uvaly. In einem der Taxen passierte dann im kleinen Milieu der Kölner Vorstadtvereine Viktoria und Fortuna Historisches! Wer die Rivalität kennt weiß, dass ein Südstädter der Fortuna nichts mehr „hasst“ als einen Fan der Viktoria von der Schäl Sick. Doch eingepfercht auf der Rückbank einer tschechischen Droschke kamen sich eben je ein Vertreter beider Vereine näher und ganz am Ende sprang der Fortune über seinen Schatten und spendierte dem Viktorianer ein Bier. Für uns Außenstehende ein seltsames Bild, für die beiden jedoch eine vorher nicht geglaubte Verbrüderung. 😉

SK Uvaly – FK SEKO Louny 2:1 (1:0)

4.Liga Devize B (Tschechien); Stadion SK Uvaly (2000 Plätze); 70 Zuschauer

Das Spiel beim Tabellenletzten SK Uvaly, die die Saison mit drei Niederlagen und null Toren mal so richtig mies begonnen hatten, versprach keine fußballerische Ästhetik. Stattdessen kam ein selbsternannter deutscher Klobasaexperte zu dem Urteil, dass die hier verkaufte Wurst endlich seinen Schärfeansprüchen genügen würde und in der Rangliste der getesteten Würste weit oben stehen dürfte! Ich persönlich habe noch nie so eine scharfe Wurst vom Grill gegessen. Das Brennen im Mundraum nahm von Bissen zu Bissen zu und um es vorweg zu nehmen aber nicht näher ins Detail zu gehen, die Ankündigung des Experten bewahrheitete sich am nächsten Tag, dass man solch einer Klobasa immer zweimal begegnet…

Die auf dem Feld ausgefochtene Begegnung war zwar nicht hochklassig, aber dem Heimteam gelang endlich der erste Treffer der Saison. Auf Grund der Nähe zum Spielfeld konnte man die Akteure recht gut beobachten und dem Einwechselspieler noch ein paar gute Tipps oder einen Schluck Bier mit auf den Weg geben. Für uns stand irgendwann fest, dass der 10er des SK Uvaly wirklich nicht gut Fußball spielen konnte. Aber statt ihn auszuwechseln, ließ der Trainer den jungen Mann durchspielen.

Nach dem Spiel durften wir nicht nur den Sieg mit den Gastgebern feiern, sondern verweilten noch ein wenig bei diversen landestypischen Leckereien. Als der Trainer im Gespräch von einem unserer Mitfahrer auf das Spiel angesprochen wurde, ließ dieser sich sogar darauf ein, ein wenig Konversation zu betreiben. Nach dem sich jedoch der Trainer vorhalten lassen musste, den 10er zu lange spielen gelassen zu haben und dieser ja nichts könne, erwiderte der eben Kritisierte, dass der Spieler sein Sohn sei. Damit war die Unterhaltung auch abrupt beendet und wir machten uns letztlich auf den Weg zurück nach Prag.

Nach dem obligatorischen Abstecher ins „Popocafepetl“, einer der wenigen guten Kellerbars im Touristenzentrum und dem zweifelhaften Genuss eines „B52“, der mir die Tränen in die Augen trieb und dies mehrfach, besprachen wir durch die Bewusstseinserweiternde Wirkung nur noch die Wachstumsdichte von Igelstacheln und die Merkmale ukrainischer Baggerfahrer. Bevor wir selig nach einem wundervollen Tag ins Bett fielen, überquerten wir noch die legendäre und weltberühmte Karlsbrücke, durchquerten das alte Viertel unterhalb der Prager Burg und genossen ein letztes Sicherheitsbier in der Hotellobby.

Advertisements