Deutschland – Norwegen 6:0 (4:0)

WM-Qualifikation; Mercedes-Benz-Arena (60449 Plätze, 54812 international); 53814 Zuschauer (200 Gäste)

Nur einen Tag nach der Rückkehr aus dem schönen Prag, wo sich laut der breiten Presselandschaft Szenen der Schande abgespielt hatten, machten wir uns aus dem Rheinland mit einer etwas kleineren Gruppe und unter Zuhilfenahme der Eisenbahn auf den Weg nach Stuttgart.

Leider erreichte einer unserer Mitfahrer auf Grund einer Verspätung seiner Regionalbahn nach Düsseldorf nicht rechtzeitig unseren Treffpunkt, aber überraschender Weise zeigte sich die Deutsche Bahn mehr als kulant, den Betroffenen tatsächlich ohne Mehrkosten nach Stuttgart nachreisen zu lassen! Hut ab dafür, hätte man dem Konzern gar nicht zugetraut.

Der frühe Nachmittag wurde mit etwas Sonne und leckeren schwäbisch-griechischen Spezialitäten versüsst und der anschließende Andrang an den Eingangstoren des Neckarstadions ließ auf ein nahezu volles Haus schließen. Nur die Frauen unter den Einlassbegehrenden hatten es nicht so einfach. Denn eigentlich stehen am Stadioneingang ausreichend Kontrollstellen zur Verfügung, um den Menschenstau bei der Körpervisite abzuarbeiten. Aber die weiblichen Gäste mussten eigene, extra mit der Überschrift „Frauen“ bezeichnete Eingänge ansteuern, wobei diese allerdings nur einen Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Zugangsmöglichkeiten ausmachten. In Folge dessen mussten einige Damen tatsächlich über eine halbe Stunden anstehen, bis sie endlich abgetastet werden konnten.

Auf das eigentliche sportliche Geschehen oder den Austragungsort selbst werde ich in diesem Bericht nicht näher eingehen, viel mehr beschäftigen mich die Begleitumstände beider Länderspiele und welche Auswirkungen diese zur Folge hatten und vielleicht noch haben könnten.

Zunächst muss ich die Geschehnisse von Prag im Kontext der allgemeinen Berichterstattung für jene etwas relativieren, die vielleicht nicht vor Ort waren und mit eigenen Ohren gehört haben, was dort tatsächlich von sich gegeben wurde. Ohne Zweifel haben sich einige mehr als offensichtlich rechtsgerichtete Hohlköpfe unsäglich und peinlich daneben benommen. Nichts kann dies entschuldigen! Fakt ist jedoch auch, dass ich persönlich keine „faschistischen Gesänge“ in Dauerschleife gehört habe. Es ist absolut richtig, dass die „Heil“ Rufe irgendwann deutlich zu vernehmen waren und stellten mit dem von „normalen“ Fans zuvor ausgerufenen „Sieg“ einen völlig anderen als beabsichtigten Sinn dar! Jedem halbwegs intelligenten und aufgeklärten Menschen kämen solche Worte nicht ohne schlechtes Gewissen über die Lippen. Aber ferner waren keine weiteren „Gesänge“ aus der Nazi-Schublade zu hören. Dass im Nachgang jedoch die Schmähgesänge gegen Timo Werner oder den DFB plötzlich auf eine Ebene mit diesen faschistischen Aussetzern gestellt werden, finde ich mehr als merkwürdig und unangebracht! Eine Wertung der Anfeindungen gegenüber dem DFB und Spieler lasse ich dabei erst einmal außen vor. Was ich damit sagen will ist, dass zu diesem Thema teilweise eine überzogene Berichterstattung stattfand und plötzlich unzählige Fans der mitgereisten 5000 Deutschen in ein Licht gestellt wurden, welchem diese keinesfalls entsprechen! Man darf diese Vorfälle nicht totschweigen, die Verursacher sollten auch erkannt und entsprechend benannt werden, aber trotzdem muss die Presse auch die Verhältnismäßigkeit wahren! Und auf einmal den in den meisten Stadien praktizierten und zum normalen Repertoire gehörenden Triumphruf „Sieg“ gänzlich faschistisch zu belegen, übertreibt das Streben nach „Political Correctness“ eindeutig. Denn diese politische Korrektheit führt immer mehr dazu, dass man sich selbst in der absoluten Euphorie zweimal überlegen muss, was man anstimmt oder mitsingen darf. So wie auch jetzt in Stuttgart, als das bisher übliche „Sieg“ spätestens kurz vor Spielende einfach nicht mehr in das aktuelle Stimmungsbild gepasst hätte und man es sich lieber verkniff, als damit vielleicht die nächsten Unwissenden und auch die Presse auf den Plan zu rufen, von „Nazis“ in der Kurve zu sprechen. Etwas mehr Differenzierung würde der Sache ganz gut tun, denn wie sagte jemand mal so schön:

Differenzierung ist Zivilisation!

Dieses Streben nach korrektem Auftreten ist in den letzten Jahren, mal von Prag abgesehen, bei Spielen der Nationalmannschaft längst die Normalität. Dieses spontane Feuer, diese manchmal hitzigen Situationen rund um das Spielfeld sind fast völlig verschwunden. Klar, wenn der Schiedsrichter eine Spielsituation augenscheinlich falsch entscheidet, branden plötzlich so etwas wie Emotionen auf. Aber wo früher der gegnerische Spieler bei der Ausübung eines Eckballes durch Pfiffe verunsichert wurde, herrscht heute gespannte Stille. Dafür laufen „LaOla-Wellen“ umso besser durch das Stadion und ohne eine akustische Unterstützung durch eine Trommel, wäre ein halbwegs koordinierter und auch dadurch hörbarer Support gar nicht mehr möglich.

Es ist heutzutage grundsätzlich nicht so einfach, als aktiver Fan der Nationalmannschaft ernst genommen zu werden. Entweder wird die unvermeidliche Schublade des Fan Club Nationalmannschaft aufgezogen, in der man lediglich Fans mit Klatschpappen, Blumenketten und Softgetränken vermutet, die sich ab und zu mal ein Spiel im Stadion ansehen und ansonsten auf den Fanmeilen der Republik zu finden sind. Aber dass es noch immer aktive Anhänger gibt, die nicht nur ihrem Verein zu Hause aktiv zur Seite stehen, sondern dies auch seit Jahren bei ziemlich jedem Spiel – egal ob zu Hause oder auswärts – der Nationalelf tun, wird meist gänzlich ignoriert. Ebenso wird ignoriert, dass Teile dieser Fans trotz der Mitgliedschaft und aktiven Teilnahme im Fan Club Nationalmannschaft gleichwohl diesem Projekt auch kritisch gegenüber stehen kann und auch steht. Vor allem, weil die Mitglieder eher als Kunden betrachtet und von einer Agentur „gesteuert“ werden, statt selber über die Inhalte und das Auftreten mitbestimmen zu können. Und obwohl es hierüber innerhalb des Fan Clubs Diskussionen gibt, dieses Konstrukt irgendwann auf Mitgliederbestimmte Beine zu stellen, werden diese Fans nicht ernst genommen und müssen sich vor jedem Traditionalisten, Ultra oder Kuttenträger für ihre Art der Fankultur rechtfertigen. Seit der DFB immer mehr mit der eigentlichen Nationalmannschaft gleichgestellt und als Projektionsfläche für Protest oder Ignoranz benutzt wird, hat sich diese Situation eher noch verschlimmert. Doch dabei sehen es die so genannten „Kunden“ nicht wesentlich anders als diejenigen, die grundsätzliche Transparenz des Verbandes zu Themen wie Korruption, Sportgerichtsbarkeit und Spieltagszerstückelung einfordern oder erwarten. Außerdem wären deutliche Worte des DFB gegen die aktuellen Strukturen und Seilschaften der FIFA oder UEFA längst überfällig, die durch ihre Politik dem Sport gleichermaßen schaden, wie geldschwere Kataris oder Russen. Doch so lange eben jene Forderungen und Wünsche ignoriert werden, wird sich am Stellenwert des DFB, der N11 und eben jener Fans wahrscheinlich nichts ändern.

Am Ende der Geschichte gab es im Stadion zu Stuttgart ein großes Gruppenkuscheln ohne Misstöne. Timo Werner wurde so lautstark gefeiert, dass von Außenstehenden sogar eine direkte Agitation des DFB in die Fankurve hinein vermutet wurde, was natürlich totaler Blödsinn war. „Scheiß DFB“ Rufe gab es auch keine und ein großes Banner gegen Rassismus und Diskriminierung rundete die Szenerie am Tag eins nach Prag ab. Vielleicht deshalb oder einfach nur aus Trotz zeigte sich die Nationalmannschaft in Spiellaune und besorgte es den Gästen reichlich. Mit Freudentränchen und viel Herzwärme gingen die Zuschauer nach Hause und alles war wieder gut…

Was nun von diesem Wochenende in Erinnerung bleiben wird, ist sicherlich eine neue Diskussion um den Stellenwert der Nationalmannschaft, der Wahrnehmung seiner Fans, die untrennbare Verknüpfung von DFB und N11 und das Statement von Herrn Grindel, erneut über eine strengere Personalisierung von Tickets nachdenken zu müssen. Wobei diese Maßnahme den Eklat von Prag nicht verhindert hätte! Man darf also auf das nächste Länderspieljahr und vor allem auf die WM in Russland gespannt sein…

 

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