Nordirland ist gemeinhin kein Reiseziel, welches sich der geneigte Reisende und seine Familie für den jährlichen Sommerurlaub vornimmt. Umso besser ist es natürlich, wenn man den Besuch dieses interessanten und gleichwohl merkwürdigen Landes mit einem Fußballspiel verknüpfen kann. So dachten sicherlich auch ungefähr 3499 weitere deutsche Fußballfans, als die Auslosung der WM-Qualifikation einen Besuch der Hauptstadt Belfast unumgänglich machte. Spätestens bei der Ticketvergabe jedoch wurde klar, dass natürlich nicht jeder der Interessenten bedient werden konnte, denn das kleine Stadion in der nordirischen Hauptstadt lässt gerade einmal 800 Gästefans zu.

Zumindest unsere Reisegruppe hielt dies nicht davon ab, den Flieger in Düsseldorf zu besteigen und über London nach Belfast zu reisen. Der Abreisetermin traf zufälliger Weise auf den Tag der deutschen Einheit, ausgerechnet an solch einem denkwürdigen Tag, an dem der Zusammenhalt einer Nation im Fokus stand, flogen wir in ein bis heute äußerst fragiles und noch immer gespaltenes Land am Rande von Westeuropa.

Nach unserem unproblematischen Start in Düsseldorf, wurde es für drei Mitfahrer unserer Gruppe in London ungemütlich. Der jüngste Teilnehmer unserer Tour wurde dort auf Grund eines „nicht gültigen“ Ausweises aufgehalten. Während der überwiegende Teil in den Anschlussflug stieg, blieb die kleine Familie in London zurück und musste sich durch die Mühlen der Bürokratie kämpfen. Einige Diskussionen später durfte man immerhin nach Belfast weiterreisen, jedoch nur unter der Bedingung, sich auf der Insel mit dem Konsulat oder der Botschaft in Verbindung zu setzen, um  dort Ersatzpapiere zu beschaffen.

Immerhin verlief der Rest der Anreise ohne Probleme und auch das richtige Hotel wurde nach einem kurzen Umweg schnell gefunden. Während sich die einen oder anderen im vorübergehenden Zuhause einrichteten, erkundeten andere relativ zeitnah die umliegende Pub-Landschaft. Ein kleiner Teil ließ es sich jedoch nicht nehmen, dem Fußball und dem ältesten Fußballclub der irischen Insel die Ehre mit ihrer Anwesenheit zu erweisen.

Cliftonville FC – Police Service of Northern Ireland FC 7:0 (5:0) 

Ligapokal; Stadion Solitude (6000 Plätze); 250 Zuschauer 

Dieser Besuch offenbarte uns erstmals seit unserer Landung die große politische und gesellschaftliche Zerrissenheit dieses Landes. Denn während die Ligaspiele des Clubs regelmäßig vor großer Kulisse stattfinden, war dieses Pokalspiel eher spärlich besucht. Neben dem Hinweis, man sei kein Nordire und habe mit dem System in diesem Lande nichts am Hut, erteilte man uns Aufklärung, warum nur so wenige Zuschauer den Weg ins Stadion fanden. Der Gast war immerhin ein Ableger des in diesem Teil der Stadt verhassten protestantischen Systems. Der Polizeisportverein, kurz PSNI genannt, sollte unter keinen Umständen von diesem Spiel profitieren, denn die Einnahme werden im Ligapokal grundsätzlich zwischen den beiden Vereinen aufgeteilt. Da die Anhänger des Gastgebers ihren Gästen jedoch weder das schwarze unter den Fingernägeln, noch einen einzigen Pence zu viel aus den Ticketverkäufen mit auf den Nachhauseweg geben wollten, blieb der größte Teil der Fans einfach zu Hause.

Letztlich hat das Fernbleiben der eigenen Fans dem ältesten Club Irlands nicht geschadet. Immerhin spielt der Verein in der NIFL Premiership (1. Liga) und die Jungs von der Polizei nur in der zweiten Liga des Landes, so dass auch das Endergebnis klar dem Klassenunterschied entsprach.

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Nach dem Spiel wurden wir von einem Ordner angesprochen, ob wir Fans aus Deutschland seien. Als wir dies bejahten forderte er uns auf, ihm doch bitte zu folgen. Er machte uns doch tatsächlich mit einem Vereinsverantwortlichen bekannt, der uns gerne und ausführlich zur Geschichte des Clubs, den größten Erfolgen und der Beziehung der Vereine untereinander Auskunft gab. So war man sichtlich stolz, des öfteren gegen die Freunde von Celtic Glasgow gespielt zu haben und dass der Elfmeterpunkt im Stadion des 1879 gegründeten Clubs der Elfmeterpunkt sei, der in der Geschichte  des internationalen Fußball zum ersten Mal zur Ausführung eines Strafstoßes genutzt worden sei! Wir erfuhren auch, dass die 1949 erbaute Haupttribüne in Kürze abgerissen und gegen ein modernes Gebäude ersetzt werden soll. Spätestens im unter der Tribüne gelegenen Pub konnte man den Verfall ganz gut sehen und auch der Rest des grasbewachsenen altehrwürdigen Bauwerkes hatte die besten Zeiten längst hinter sich.

Viele Geschichten rund um die Rivalität und Feindschaft der Protestanten und Katholiken untereinander, und damit zwischen den Britten und den Iren wurden zum besten gegeben. Wir erfuhren weiter, dass nicht nicht alle nordirischen Clubs in der nordirischen Liga, sondern aus Protest oder anderen Gründen teilweise auch im irischen Ligasystem ihr Zuhause finden. Was passieren kann, wenn man einem Iren und Katholiken zum Sieg einer Protestantischen Mannschaft gratuliert, wurde uns bildlich von einem aus Bayern stammenden Gast des Pubs erläutert. So habe sich laut Überlieferung der Adressat der Gratulation entrüstet das Glasauge aus dem Gesicht gerissen, selbiges auf den Tisch geknallt und auf seine Anwesenheit beim „Bloody Sunday“ hingewiesen, bei dem 13 unbewaffnete Menschen während eines Protestzuges gegen die britische Politik getötet wurden. Dieses Ereignisse verschärfte ab 1972 den Norirlandkonflikt und erst Recht die klare Trennung der beiden Parteien innerhalb der Stadt und des Landes.

Irgendwann war auch die vorerst letzte Geschichte des Abends erhält, das letzte Pint getrunken und wir machten uns auf den kurzen Heimweg zu unserem Hotel. Ganz in der Nähe wurde noch ein Sicherheitsbier genossen und plötzlich standen wir inmitten von mehrheitlich protestantischen Einwohnern der Stadt. Während die Jungs von Cliftonville ganz klar der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drückten, waren die neuen Bekanntschaften von Herzen Nordiren und sagten einen Sieg der eigenen Elf voraus. Vielleicht lag diese mutige Einschätzung aber auch am stetigen Koksgebrauch des Gesprächspartners mit dem süssen Kneipenhund im Schlepptau, der darauf angesprochen klar machte, mehr „Lines durch seine Nase gezogen zu haben, als Pablo Escobar zu seinen besten Zeiten von dem Zeug verkauft hätte“. Nun denn, es wurde Zeit für die erste Nacht im Boxspringbett.

Der zweite Tag unserer Tour startete äußerst individuell. Entweder mit einem typisch britischen Frühstück und anschließendem Sightseeing oder nur mit besagtem Frühstück. Gegen 14 Uhr wurden dann die Straßen in der Innenstadt gesperrt und es zog deutlich sichtbar eine Menge örtlicher Polizei auf, es hatte sich kein geringerer als Prinz William zu einer Visite in der Stadt angekündigt. Da dreht der Royalist in der gespaltenen Stadt schon mal durch und die Männer und Frauen in Uniform waren um ihren Job nicht zu beneiden.

Die City von Belfast hat übrigens einige wundervolle Pubs zu bieten, die nicht nur zum (be)trinken einladen. Sie sind auch optisch ein absoluter Genuss, den man sich nicht zwingend mit Alkohol verschaffen muss. Und so pendelte sich dieser erste Teil des Tages in der Hauptstadt Nordirlands zwischen Sightseeing und Pub-Hopping ein.

Nach all der Aufregung, dem Test vieler Genüsse der irischen Küche und der Ergebnisse irischer Braukunst wurde es Zeit, den Zug Richtung Süden und damit an den Nordrand der Republik Irland zu besteigen. Das Cup Finale im „Leinster-Cup“ zwischen Dundalk und Shelbourne rief. Die Rollen waren klar verteilt, denn Dundalk ist derzeit zweiter der irischen Topliga, während der Gast in der zweiten Liga eher ein durchschnittliches Dasein fristet.

Dundalk FC – Shelbourne FC 2:4 (2:2; 1:0)

Leinster Senior Cup Final (Irland); Oriel Park (4500 Plätze); 900 Zuschauer 

Trotz intensiver Recherche kann ich den Stellenwert des bereits weit über 100 Mal ausgetragenen Cups nicht wirklich einschätzen. Zumindest berechtigt der Titelgewinn nicht dazu, an internationalen Turnieren wie dem UEFA-Cup teilzunehmen. Dennoch war das Stadion ganz gut besucht und auch ein paar Fans der Gäste hatten sich aus dem vielleicht 40 Kilometer entfernten Dublin auf den Weg in das verregnete Dundalk gemacht. Für den ein oder anderen von uns war dieses Spiel schon allein deshalb etwas Besonderes, weil wir vor wenigen Jahren bei unserem letzten Besuch in Dublin zu Gast bei Shelbourne waren. Dort ließen wir uns nach einem schnellen Rückstand des überlegenen Gegners aus Cork dazu hinreißen, die Heimmannschaft zu unterstützen. Und trotz eines zwischenzeitlichen 0:3 gelang es den Hausherren, mit dem Schlusspfiff zu einem Unentschieden zu kommen. Damals hat uns die herzliche Verabschiedung der Mannschaft und der heimischen Fans sehr beeindruckt, so dass bei dem Spiel in Dundalk feststand, wen wir zu unterstützen haben. Die Tickets für die Haupttribüne erwarben wir bereits knapp 3 Stunden vor dem Spiel in der netten Geschäftsstelle für günstige 10 Euro und zogen uns anschließend ob des starken Regens in einen sehr stilvollen Pub unweit des Stadions zurück.

Zu Spielbeginn nahmen wir unsere Plätze ein und genossen unweit der wenigen angereisten Supporter aus Shelbourne das Spiel. Und der absolute Unterdog aus der zweiten Liga trumpfte beim Erstligisten groß auf! Ein Angriff nach dem anderen rollte auf das Tor der Hausherren zu und nur mit Glück blieb der Favorit zunächst schadlos, schloss dann sogar einen überraschenden Konter zur 1:0 Führung ab.IMG_0602

Diesen Vorsprung rette Dundalk über die Pause bis ins letzte Viertel der Partie, ehe sich kurz vor Schluss die Gäste endlich mit dem Ausgleich und wenig später sogar mit der Führung belohnten! Doch statt sich über die Zeit zu retten, kassierte man wenig später nicht nur den erneuten Ausgleich, sondern handelt sich auch noch eine rote Karte ein. Weitere 30 Minuten Spielzeit sollten also die Entscheidung bringen, und das Spiel wurde auch entschieden. Aber nicht von den Hausherren, die unerklärlicher Weise völlig von der Rolle letztlich am verdient siegenden, weil aufopferungsvoll kämpfenden Gast scheiterten.

Mit dem letzten Zug ging es dann zurück in die nordirische Hauptstadt und weiter in einen der ältesten Pubs der Welt. Wobei uns diese Floskel ständig über den Weg lief, denn so ziemlich jeder Gastwirt behauptete, dass sein Lokal das älteste des Landes sei. Bis zur Sperrstunde um 1 Uhr war es nicht mehr lange und so wurde etwas zügiger getagt.

Das der Ire einen eher seltsamen Dialekt der englischen Sprache spricht, ist ja weithin bekannt. Das in die Länge ziehen der Vokale und gleichzeitige Verschlucken essentieller Buchstaben eines Wortes machen es manchmal schwierig, ein vernünftiges Gespräch zu führen, erst recht, wenn der Pegel steigt. Aber andersherum scheint dies auch nicht weniger problematisch zu sein stellten wir fest, als die nette Bedienung nach dem Namen unseres „Poppels“ fragte. Als dieser Wahrheitsgemäß antwortete und sich vorstellte, freute sich die Dame sichtlich: „Yeah, hello Hobbit.“ Nun gut, rein Körpergrößentechnisch würde dieser neue Spitzname sogar zu ihm passen.

Zum Abschluss noch eine kleine, aber auch schöne Anekdote. So trug sich zu, dass unser Micha wie so oft ein Bett mit Buddy Lutz teilte. Durch den übermäßigen Drang eines unaufschiebbaren Bedürfnisses in seinem Schlafrhythmus gestört, entstieg er seiner Betthälfte und öffnete eine Tür. Erst als diese sich automatisch wieder schloss realisierte er, dass es nicht um die Badezimmertür handelte, so dass er ungewollt auf dem Flur seiner Hoteletage stand. Verwirrt, schlaftrunken und nur mit Schlafanzughose bekleidet, irrte er über Minuten durch die Gänge des Hauses. Ein glücklicher Umstand trieb den Heimatlosen in die Arme eines Sicherheitsmannes, der ihm umgehend Hilfe versprach, wenn er die richtige Zimmernummer nennen könne. Doch eben diese Verwirrtheit, die biergeschwängerte Schlaftrunkenheit und der Schock saßen Micha wohl noch in den Gliedern, denn er konnte sich partout nicht an seine Zimmernummer erinnern. Nun stieg man also hinab in die Vorhalle des Hotels, wo sich die Nachtschwärmer sicherlich ein Lächeln verkneifen mussten, doch immerhin konnte ihm der Mitarbeiter nach Nennung seines richtigen Namens auch mit der richtigen Zimmernummer aushelfen und ohne den noch immer tief und fest schlafenden Lutz zu wecken, unter das warme Plumeau schlüpfen.

Der dritte Tag der Reise begann eher spontan mit einer kleinen Führung entlang der Schauplätze tragischer Anschläge und Sinnbildern der noch immer aktuellen Teilung der Gesellschaft. Ein Taxifahrer erklärte sich für 40 Pfund bereit, uns gut 1,5 Stunden durch ehemals umkämpfte Gebiete zu fahren. IMG_0629Natürlich waren uns die Nachrichten aus der Vergangenheit noch im Kopf, worin von Auseinandersetzungen zwischen den Protestanten unter anderem der „UUP“ und den Katholiken zum Beispiel der „IRA“ die Rede war. Seit den 70er Jahren bis hin zum Waffenstillstand 1994 starben ungefähr 3500 Menschen auf beiden Seiten, zumeist Zivilisten. Vielfach wurde durch Bombenanschläge gemordet, aber es gab ganze Straßenzüge, die durch „Verkehrsschilder“ vor Scharfschützen warnten. Und mitten in der Stadt, entlang einer Trennlinie beider Parteien steht mittlerweile eine „Mauer des Friedens“, die laut Robert, unserem Taxifahrer, über die Jahre immer wieder aufgestockt und erhöht werden musste. Solche Mauern gibt es in einigen nordirischen Städten und versuchen die ehemals ausufernde Gewalt zwischen den katholischen und protestantischen Wohnvierteln zu begrenzen. IMG_0636 Hinzu kommen große Stahltore, die das Gebiet ab 22 Uhr auch für den Straßenverkehr abriegeln! IMG_0645 Kein Mensch oder Fahrzeug kann dann bis 6 Uhr morgens das Viertel wechseln, es ist auf diesen Wegen einfach nicht möglich! Robert erzählte uns dazu, dass die Menschen sich noch heute die Köpfe einschlagen würden, gäbe es diese ungefähr 1,6 Kilometer lange Mauer nicht. Eigentlich unvorstellbar für uns, wo wir „unsere“ Mauer 1989 auf den Friedhof der Geschichte entsorgten. Willkommen im 21. Jahrhundert, in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der man sich eigentlich wie normale Menschen an einen Tisch setzen können müsste und nicht nach wie vor danach trachtet, dem anderen die Kehle durchzuschneiden. Die derzeitige Friedenspolitik trägt schon seit vielen Jahren Früchte und bis auf teilweise harte Worte und Sticheleien bekommt man von dem Konflikt als Tourist so gut wie nichts mit.

Gegen Ende der Tour brachte unser Taxifahrer, Rangersfan und Anhänger der Protestanten sicher in Richtung unseres nächsten Termins, zu dem wir das Fanmatch der Auswahl Nordirlands und Deutschland als kleines Warm Up nutzen wollten, bevor am Abend das Spiel der Nationalmannschaften auf dem Programm stand.

Nordirland Fanauswahl – Deutschland Fanauswahl 3:3 (1:3)

Freundschaftsspiel; Newforge Lane (1500 Plätze); 80 Zuschauer 

Vermutlich weil es sich bei dem Austragungsort dieses Spieles um das Stadion des örtlichen Polizeivereines handelte, gaben sich auch recht viele Uniformierte die Ehre. So kamen zeitweise auf fünf Zuschauer je ein Polizeibeamter. An Sicherheitsbedenken kann dieser Aufwand eigentlich nicht gelegen haben. Selbst eine aus dem fernen Deutschland angereiste Polizeioberrätin stellte sich vor und versuchte sich im Smalltalk zum Thema Fußball. Letztlich durften wir ein schönes Spiel sehen und nach einem leckeren Irisch Stew im ansässigen Country-Club ging es nun endgültig in Richtung Stadion, wobei zuvor  die Hürde Voucherumtausch genommen werden musste.

Nordirland – Deutschland 1:3 (0:2)

WM-Qualifikationsspiel; National Football Stadium at Windsor-Park Belfast (18434 Plätze); 18104 Zuschauer 

Der Vouchertausch! Eine mittlerweile endlose Geschichte im Gerangel um fanfreundlichen Umgang und faire Verfahrensweisen zum Thema Ticketing. Es war natürlich im Vorfeld damit zu rechnen, dass die Abwicklung des Umtausches der personalisierten Voucher in „richtige Tickets“ zu Problemen führen würde. Denn zu viele Deutsche hatten sich ohne Tickets auf den Weg nach Nordirland gemacht und die Hoffnung auf ein Ticket über den Schwarzmarkt wurde relativ schnell begraben, dafür waren einfach zu wenige Tickets im Umlauf. Eine endlos scheinende Schlange zwängte sich im aufgeheizten Hotel Europa zu Belfast durch das Gebäude und ganze 3 Mitarbeiter versuchten, dem Ansturm Herr zu werden. Mit all den dazugehörigen Problemen und Problemchen, denn zu alle Überfluss erhielten die meisten Fans ihre Voucher entweder sehr spät oder gar nicht von der Post nach Hause geliefert. Ursache dafür war, dass die Zuteilung leider viel zu kurzfristig erfolgt und ebenso kurz vor knapp startete dann der Versand der Dokumente. Und so kam was kommen musste. Es dauerte, und dauerte, und dauerte. Die Verantwortlichen vor Ort machten ihren Job, waren nett und hilfsbereit, aber letztlich war der Personalansatz für dieses Prozedere viel zu gering gewählt. Eventuell hätte man darüber nachdenken sollen, den Umtauschprozess über 2 Tage zu erstrecken, dies hätte Feuer aus der Sache genommen und am zweiten Tag hätten sich die Mechanismen viel besser eingespielt. Am Ende des Tages blieben viele hundert Deutsche ohne Ticket in den Pubs der Stadt. Mit einer wesentlich früheren Zuteilung hätte man sich sicherlich die Kosten der Reise erspart und viele hätten ihren Trip storniert. Doch so kurzfristig kommt einem selten eine Fluggesellschaft oder ein Reiseveranstalter finanziell entgegen und dies machte die Entscheidung auch deshalb für viele Fans recht einfach, trotzdem nach Belfast zu reisen.

Das wunderschöne, relativ kleine Stadion der Nationalmannschaft von Nordirland liegt inmitten eines Wohngebietes. Klassisch britisch eben und immer wieder ein beeindruckender Anblick, wenn plötzlich hinter der nächsten Häuserecke die Flutlichter aufragen und die Wohnzimmer der Anwohner erhellen.

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Die ansonsten sehr netten und absolut friedlichen Nordiren konnten sich eine kleine Einlage nicht verkneifen. Vermutlich haben sie bei ihren englischen Brüdern gut zugehört und sagen uns lauthals den Klassiker „10 german bomber“ entgegen.

Im Stadion selber herrschte eine zeitweise gute Stimmung, allerdings nicht so intensiv, wie man es von nordirischen Fans auf Auswärtstouren gewohnt ist. Aber dies ist bei fast allen Nationalteams mittlerweile so, dass zu Hause ein anderes Publikum als auswärts anwesend ist. Dennoch hatten es die 800 Deutschen nicht einfach, sich gegen das gesamte Stadion durchzusetzen. Denn die heimischen Fans standen geschlossen hinter ihrem Team, wobei die schnelle Führung der deutschen Nationalmannschaft ein wenig zur Beruhigung beitrug. Immerhin gab es keinen Will Griggs on Fire, denn auch der wird  scheinbar nur auswärts zum Besten gegeben. Interessant war auch, dass es keinen separaten Bereich für deutsche Fans in den Katakomben des Stadions gab. Ein Nordire wusste zu berichten, dass es das erste Spiel gewesen sei, wo die Polizei nicht auf strikte Fantrennung achtete. Dafür gab es vernünftiges Bier und beide Fanlager verabschiedeten sich nach dem Spiel gegenseitig mit Applaus. img_0672.jpg

Das Spiel unserer N11 war für einen Auswärtsauftritt ganz okay. Die Nordiren leisteten Gegenwehr, wie es eben gegen einen Favoriten sein sollte. Unser Team hat sich mittlerweile einen gewissen Status erarbeitet, der Fluch und Segen zugleich ist. Es gibt keinen Gegner mehr, gegen den man verlieren darf. Dafür ist man immer in der Pflicht gewinnen zu müssen. Entsprechend gedämpft werden Siege mittlerweile gefeiert.

Befremdlich fand ich jedoch die Bandenwerbung während des Spieles. Natürlich werben deutsche Firmen bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft. Aber das der Fanclub Nationalmannschaft eine sicher nicht allzu günstige Werbung auf die Anzeige bringen lässt, wird die Mitglieder sicherlich etwas mit der Stirn runzeln lassen. Und die Abteilung für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit hat sich dabei auch noch einen für Fußballfans unverzeihlichen Fauxpas geleistet. Die Werbung für das letzte Spiel der Qualifikation in Kaiserslautern in die Fritz-Walter ARENA zu verlegen, ist schon – gelinde gesagt – peinlich. Schon der fussballinteressierte Bub weiß heutzutage, dass in Lautern immer noch ein Stadion und keine Arena steht.

Der Rest des Abends klang nach diesem Sieg entspannt und kurzweilig aus, denn der nächste Tag sollte für uns alle früh beginnen.

Natürlich darf auf so einer Tour ein Ausflug ins Umland von Belfast nicht fehlen. Also kurzerhand einen Bus gemietet und am vierten Tag mit fast allen Teilnehmern in Richtung Nordküste aufgebrochen. Einige Drehorte der fantastischen Fantasyserie „Game of Thrones“ und eines der Wahrzeichen Nordirlands schlechthin standen auf dem Fahrplan. Und so startete der Bus über schlechte Straßen und mit einer außerordentlich schlechten Federung vom Zentrum Belfasts gen „The Giants Causeway“. Vorbei an einem bereits im Jahre 1177 errichteten Castle, zu dem unser weiblicher Guide interessantes zu berichten wusste, zog sich die Fahrt auf den Küstenstraßen dahin. Die irische Dame, der wir im Laufe der Tour den Namen „Melody“ verpassten, gab sich wirklich alle Mühe und konnte uns immer wieder aufs neue begeistern. Vor allem wenn das Wort Pub im Satz vorkam. Und natürlich war auch auf dieser Tour jede angefahrene Gastwirtschaft „One of the oldest Pubs“ in Irland. Das erste große „Aaaahhhh“ ging durch den Bus, als wir an einem Steinbruch vorbei fuhren, der sich nicht wesentlich von anderen Steinbrüchen auf dieser Welt abhob. Da Miss Melody jedoch erklärte, dieser Steinbruch sei im Film die Kulisse für DIE Mauer, welche von Grenzern bewacht das Böse hinter eben jener Mauer abhalten sollten, wurde aus dem simplen, unscheinbaren Steinbruch ein Fotomotiv der Superlative. Der zweite Stopp führte uns in DAS „Cave“ von Game of Thrones. In dieser Höhle wurden die Szenen gedreht, in der das Schattenbaby das Licht der Welt erblickte. Zumindest ließ ich es mir so erklären und der geneigte Fan der Serie wird wissen was damit gemeint ist.

Während die GoT-Fans alles in sich aufsaugten, was ihnen erzählt wurde, saugten die Fans der einheimischen Braukunst eher Flüssiges auf. Allerdings sollte man auch hier bei der Bestellung auf die richtige Aussprache achten. Natürlich kann man das Bier „Tennent“ auch mit dem englischen Buchstaben T abkürzen. Falsch ausgesprochen stehen dann allerdings statt mehrerer Kaltgetränke mehrere Tassen heißen Tees vor einem, was unserem Mitfahrer Ralf den Spitznamen Teatime einbrachte. IMG_0698 Die Pubbetreiber runzelten zwar die Stirn, aber da die Uhr die bald anstehende Teepause ankündigte, wurde der Tee von der Familie des Besitzers getrunken und Ralf bekam ohne Umstände doch noch das gewünschte Getränk vor die Nase gesetzt.

 

Auf unseren Touren fahren natürlich auch einige Pärchen mit. Dies ist auch gut so, denn der ein oder andere Mitfahrer braucht hin und wieder einen positiven Einfluss. So durften nicht alle Männer den Weg in den Pub antreten und mussten stattdessen die Filmstätte aufsuchen. Zwar erhob ER sich und wandte sich zum gehen, doch SIE stoppte ihn mit dem Satz: „WIR wollten doch nichts trinken“ in seiner Bewegung und „zwang“ ihn dieses Mal zu mehr Kultur, anstatt der Brauchtumspflege zu frönen. 😉

IMG_0731Ein weiteres Highlight war dann sicherlich auch der dritte Stopp, wo wir uns der Hängebrücke zur Insel Carick-a-Rede näherten und wir den Anlauf unternahmen, diese Hängebrücke auch zu überqueren. Schon der Weg dorthin zog sich entlang des steil abfallenden Küstenstreifens und machte den Blick frei auf die charakteristischen Kreidefelsen der Insel. In einer Höhe von 30 Metern und spannt sich die Brücke 20 Meter über dem Abgrund zur kleinen Insel, die früher vor allem von Fischern genutzt wurde. Vor einigen Jahren wurde dann auch die ursprüngliche Brücke mit nur einem Handlauf durch eine sichere Version ersetzt, welche den Touristen von März bis November offen steht.

 

Die Fahrt ging weiter vorbei an einem Felsen, der laut Melody die Form eines Elefanten haben soll und schaut man durch „das Auge“ des Gebildes auf das Meer, wird man angeblich innerhalb von 6 Monaten verheiratet. Einige schlossen spontan die Augen, um dieser, wenn auch unwahrscheinlichen Gefahr zu entgehen.

IMG_0737Der nächste Höhepunkt der Tour war dann natürlich „The Giants Causeway“, an dem der Besucher aus der Erde ragende Basaltsäulen bestaunen kann, die nur durch die Kräfte der Natur geschaffen wurden, aber so aussehen, als hätten Menschen Hand an die meist sechseckigen Gesteine gelegt. Verrückt, aber schön.

 

Auch wenn die Fahrt in unserem wirklich ausgelutschten und stoßdämpferfreien Bus laut der jüngsten Mitfahrerin an Bord besser mit einem Sport-BH angetreten worden wäre, war es doch ein toller und richtig schöner Ausflug, bei dem jeder auf seine Kosten kam, da sogar das Wetter die meiste Zeit mitspielte und uns nur kurz nass werden ließ.

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Und obwohl der Tag sehr anstrengend war, kamen ein paar von uns auf die Idee, doch auch mal einer deutschen Randsportart in Nordirland näher zu kommen. Rugby ist in Nordirland ebenso beliebt, wie bei uns der Fußball. Also auf ins örtliche Rugbystadion und einfach mal mitreißen lassen, selbst wenn man nicht wirklich Regelkundig ist.

Ulster (NIR) – Connacht (IRL) 16:08 (03:05)

GuinnessPro14 Rugby-League; Kingspan-Stadium (12300 Plätze); 9500 Zuschauer 

Für 25 Euro war man dabei, musste dafür aber einen nicht überdachten Stehplatz in Kauf nehmen. Der überdachte Sitzplatz war dann schon mit 45 Euro fast doppelt so teuer.  Aber dafür gab es eine Getränkekarte, die einem Restaurant ebenbürtig wäre. Whiskey, Bacardi, Bier und zur Not hätte es auch ein Sketchen sein dürfen, alles war zu haben und das für einen humanen Taler.

IMG_0794Gleichzeitig zur unglaublichen Härte des Spieles, war die Fairness unter den Spielern bemerkenswert. Ebenso gab es so gut wie keine Diskussion der Aktiven mit dem Schiedsrichter und auch die gegnerische Mannschaft wurde bei Auswechslungen mit Applaus bedacht. Der für mich prägendste Unterschied zum Fußball war jedoch, dass beim Rugby nur dann Spieler liegen bleiben, wenn sie tatsächlich das Bewusstsein verloren haben. Nicht wie im Fußballgeschäft, wo eine mögliche Berührung schon zu doppelten Purzelbäumen mit anschließender Reanimationen führen kann. Beim Rugby, der fast völlig ungeschützt gespielt wird, möchte man in der ein oder anderen Szene die Hände vor die Augen legen und hoffen, dass der Betroffene wenigstens halbwegs unbeschadet überlebt.

So schön der Fußball auch ist, aber Fußballer sind im Vergleich zu diesen Muskelbergen wehleidige Mädchen. Wobei ich damit keinem Mädchen zu Nahe treten möchte. Allerdings glaube ich auch, dass der Verein pro Forma für alle Spieler Termine bei den umliegenden Zahnärzten frei hält, um zeitnah Brücken und Kronen erneuern zu lassen. Ein grandioses Erlebnis und in dieser Atmosphäre, in der Du bei einem Kick auf das Tor vor absoluter Stille einen Regenwurm über das Gras kriechen hören kannst, bekommst Du automatisch eine Gänsehaut am ganzen Körper. Einfach nur geil!

Nach dem Spiel und der Aftergameparty fuhren wir mit dem Taxi zurück in unser Viertel, wo wir den letzten Abend bei einer überragenden Party im Pub ausklingen ließen. Belfast ist eine tolle Stadt, die viel zu bieten hat. Sie ist aber auch ebenso seltsam, wie der Rest der Insel schön ist. Eine klare Empfehlung an jeden, der nicht recht weiß, was er mit drei oder vier Urlaubstagen anfangen soll.

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