Länderspiele im November sind ungefähr so beliebt, wie Grillpartys im Februar oder Besuche beim Zahnarzt. Man zwingt sich hinzugehen, hätte aber tausend Dinge im Kopf, die man lieber täte. Gerade im Clubfußball sind dies die Spiele, die ob der heißen Wochen in der Championsleague, dem Titelkampf zu Hause oder der grundsätzlich schon hohen Belastung eher als Last denn als Lust empfunden werden. Sofern sich die Spieler nicht schon zu Hause auf dem Sofa von einer mehr oder weniger schweren Verletzung erholen, schonen sich die Jungs oftmals dann zumindest auf dem Rasen während solcher Spiele. Sportlich ohne großen Wert geht es maximal um die Ehre und darum, den Verbänden weiter die Taschen zu füllen. Natürlich finden aktuell auch die Relegationsspiele zur WM an solchen Tagen im Spätherbst statt, aber notwendig sind diese nur deshalb, weil das Turnier zu einem Mega-Event mit viel zu vielen Teilnehmern aufgeblasen wurde.

Für die Zuschauer, welche natürlich jedes Spiel ihrer nationalen Helden sehen wollen bedeutet dies, sich auf die weite Reise in meist verregnete, kalte Orte auf dieser Welt zu machen, um live vor Ort dabei zu sein zu können.

39FC5EC7-E27A-4933-AC30-1BE006328706In London erwartete uns aber überraschender Weise erst einmal Sonne. Mit der U-Bahn fuhren wir durch die morgendliche Rushhour Richtung Wembley, wo wir unser in Spuckweite zur legendären Arena gelegenes Hotel bezogen. Lagetechnisch sicherlich ein absolutes Highlight, denn entspannter kommt man selten zum Spiel und vor allem vom Spiel wieder weg. Oder wie es ein Mitfahrer treffend formulierte:

„Selten hat man in der Halbzeit die Chance auf´s eigene Klo zu gehen und wäre zum Anpfiff der zweiten Hälfte rechtzeitig zurück.“

Auf Grund unserer frühen Ankunft und des erst am Abend erfolgenden Anstoßes, konnte bei bestem Herbstwetter die Stadt erkundet werden. London halt, entweder man liebt oder man hasst diesen Ort.

England – Deutschland 0:0 (0:0)

Freundschaftsspiel; Wembley-Stadium London (90000 Plätze); 81382 Zuschauer (500 Gäste)

Es wurde nachmittag, es wurde Abend und langsam wurde es Zeit, einen DER Tempel des Fußballs aufzusuchen. Dieser Ort, an dem die deutsche Nationalmannschaft schon über 40 Jahre nicht mehr besiegt werden konnte und doch eben dort eine der schmerzlichsten Niederlagen der Geschichte einstecken musste. Dort, wo sich Engländer und Deutsche oft bis auf das Blut provoziert und herausgefordert haben, wo sich Spieler förmlich für einen Erfolg den Allerwertesten aufrissen. Genau da ging es also hinein, um einen der beiden Fußballgroßmächte siegen zu sehen.

Das Stadion füllte sich und obwohl im Vorfeld die offizielle Meldung eines ausverkauften Hauses kursierte, blieben am Ende doch knapp 10000 Plätze im weiten Rund leer. Doch auch über 80000 Zuschauer bilden eine eindrucksvolle Kulisse, an diesem Abend jedoch ausschließlich optisch, weniger akustisch.

Nach einer in England den Kriegstoten gewidmeten Zeremonie und Schweigeminute, machte sich schnell eine miese Stimmung im Stadion breit. Bis auf ein paar Gesänge aus dem mit 500 Fans spärlich besetzten deutschen Block und einer hin und wieder aufspielenden Blaskapelle auf der anderen Seite, passierte diesbezüglich nicht viel. Und dies trotz einer richtig guten halben Stunde Fußball, die vor allem unsere Jungs prägten und ein ansehnliches Spiel boten. Doch das angeblich so typisch englische Stimmungsbild fehlte völlig. Nichts! Lediglich als aus der Gästeecke ein halbwegs vernehmbares „Deutschland“ zu hören war, versuchten die Kids oberhalb des Blockes dieses zu überstimmen.

So endete nach 45 Minuten nicht nur die erste Halbzeit torlos, sondern auch auf der nach oben offenen Erdbebenskala dürfte es keine Ausschläge gegeben haben.

In der Halbzeitpause wurde es dann jedoch in anderer Hinsicht Ernst. Eine wirklich kräftige und große Erscheinung bugsierte sich durch die Reihen und kam auf uns zu. Die Dame mit der Ausstrahlung einer Bestatterin, gewandet in leuchtend gelbe Security-Klamotten sprach einen unserer Mitfahrer unvermittelt an und gab ihm zu verstehen, sofort mit ihr mitzukommen. Da sie sehr schnell sprach und somit schwer zu verstehen war, schaltete ich mich in das Gespräch ein und sie gab unmissverständlich zu verstehen, dass unser Mitfahrer aus dem Stadion fliegen würde, wenn er nicht mit raus käme. Nun gut, ein Gespräch unter vier Augen soll ja manchmal zu produktiven Ergebnissen führen. Auf die Frage „Warum“ wurde jedoch zunächst keine Auskunft gegeben.

Kurze Zeit später jedoch, als man sich außerhalb des Blocks befand, machte man dem Mitfahrer klar, dass dieser jetzt das Stadion zu verlassen habe. Die erneute Frage nach dem „Warum“ wurde wiederum nicht beantwortet! Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, wurde unter Hinzuziehung von Polizisten, die ihren Knüppel bereits in der Hand hielten, die Alternativlosigkeit dieser Forderung aufgezeigt. Nach 45 Minuten war für ihn also das Spiel tatsächlich beendet und ich kann sagen, da ich die gesamte Zeit neben ihm stand, dass er weder Pyro zündete, noch eine Schlägerei begann oder den Platz zu stürmen versuchte. Er rauchte einmal heimlich, dass schon. Aber mehr auch nicht!

Im weiteren Verlauf des Spieles durfte man dann erfahren, dass wohl weitere deutsche Fans vom Bann der Hausherren getroffen wurden, die angeblich während des Spieles den Mittelfinger in die Luft gereckt haben sollen. Für denjenigen, der im Fußballsport nicht oft vor Ort live zugegen ist sei gesagt, dass solch eine Geste der „Wertschätzung“ weder ungewöhnlich, noch ernst zu nehmen ist. Weder der damit bedachte, noch der sie zeigende Gast eines Fußballspieles wird davon emotional tangiert. Weil es eben schon immer so war. Ob man solch eine Geste gut finden muss oder nicht, sei ein anderes Thema. Doch dafür aus dem Stadion zu fliegen ist einfach nur lächerlich.

Weitere Gäste wurden fast oder tatsächlich des Stadions verwiesen, weil diese heimlich im Block oder während der Halbzeitpause im Umlauf des Stadions ein Rauchopfer brachten. Vermutlich wurden einige deshalb Opfer des offen in englischen Stadien geförderten Denunziantentums, weil sich in London Gäste der Veranstaltung per SMS melden können, um willkürlich oder unwillkürlich Personen zu benennen, die angeblich geraucht, den Mittelfinger gezeigt oder andere Dinge getan haben sollen. Ganz ehrlich, wenn der Fußballfan sich derart extrem in seiner Emotionalität und seinem Verhalten kontrollieren muss, ist eine Totenstimmung wie bei diesem Länderspiel absolut erklärbar. Das absolut richtige Ziel, Gewalt aus dem Stadion zu verbannen wurde vor langer Zeit erreicht, doch der Status Quo in England zeigt, dass man trotzdem nicht aufhören konnte, den Fan über das erträgliche Maß hinaus zu disziplinieren.

Wenn es also im Laufe des Spieles vor lauter stimmungstechnischen Langeweile interessanter ist, das eigene Mobiltelefon in den Blinkemodus zu versetzen oder Papierflieger zu bauen und auf die Reise Richtung Rasen zu schicken, dann sollte man sich über diese Form der Fankontrolle mal so seine Gedanken machen. Und jeder, der dieses Denunziantentum und diese übertriebenen Verbotsrichtlinien für richtig und wichtig erachtet, soll sich später nicht darüber beschweren, dass der Besuch eines Fußballspieles dem einer Oper gleicht. Da kann man sich ja gleich im Anzug ins Stadion setzen, denn spontanes Aufspringen beim Torjubel und die damit verbundene Gefahr Ketchup auf das Trikot zu bekommen wäre damit ebenfalls gebannt.

Da sich das Stadion dann auch schon zur 80. Minute merklich leerte, war dieser denkwürdige Fußballabend dann auch bald Geschichte.

94FF11F0-6813-4393-A742-398545E5F85CIn dem Land, wo der Fußball das Gehen lernte, wo Emotionen zum ersten mal als solche erkannt und bewundert wurden, in diesem Land trug man an diesem 10. November des Jahres 2017 hörbar den Fußball – wie wir ihn kennen lernen durften, weshalb wir mit Kribbeln im Bauch ins Stadion gingen – zu Grabe. Es lebe das Event! Es lebe die Bespaßung der Massen in gelenkten Bahnen und es lebe der Papierflieger, denn statt das eigene Team anzufeuern und somit zu besseren Leistungen zu animieren, animiert man sich eben lieber selbst.

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