Ja es war eine leichte Entscheidung. Eine Entscheidung gegen ein Freundschaftsspiel im kalten November Mitteleuropas und für einen Trip ans Mittelmeer, um die deutsche U21 vor Ort im Nahen Osten zu unterstützen. Via Düsseldorf und Istanbul ging es nach Tel Aviv, das pulsierende Herz Israels, welches selbst ein so zerrissenes und fragiles Land lebenswert macht.

Mit „Turkish Airlines“ wurden wir bequem und umsorgt auf die Reise geschickt. Lediglich die Landungen müssen die Piloten dieser renommierten Airline noch ein wenig üben. Vielleicht auch deshalb der befreiende Applaus der vornehmlich türkischen Mitfliegen, nachdem der Airbus sicheren Boden erreichte. Ich persönlich glaube ja, dass es nur noch drei Gruppen von Menschen gibt, die nach einer Landung jubeln, als hätte der Pilot seine Maschine soeben ohne funktionsfähige Turbinen und mit brennenden Flügeln lächelnd notgewassert und dabei mit Zigarre im Mundwinkel Freibier versprochen. Mallorcaurlauber, abergläubige Asiaten und eben unsere türkischen Freunde klatschen noch, dabei ist starten, landen und fliegen doch nur sein „Fucking Job“. Oder anders gesagt, beim Busfahrer klatscht ja auch keiner, wenn er die Haltestelle punktgenau getroffen hat.

Nach der zweiten harten Landung in Tel Aviv klatschte natürlich keiner mehr, aber schon beim Verlassen des Flugzeuges wehte uns dafür der warme Wind um unsere Nasen und unser persönlicher Busfahrer brachte uns zu unserem in der Altstadt von Tel Aviv-Jaffa gelegenem Hotel. Dabei schwärmte er geradezu von seiner Heimat und nannte alle Berichte über Anschläge oder Selbstmordattentäter die Erfindung aus der Sparte Fake News. Gefährlich war es tatsächlich für uns auch nur deshalb, weil nachts ohne Vorwarnung Zebrastreifen schön neu und weiß gemalt wurden und der ein oder andere darauf sein Gleichgewicht verlor.
Tag eins ging unspektakulär zu Ende, ein klassisch arabisches Abendbrot und zwei Bier später erreichten wir noch nicht einmal wach die Sperrstunde.

Der zweite Tag startete früh, Kultur stand auf dem Programm und so wurden wir von unserem Guide Norbert und einem Reisebus am Hotel abgeholt. Norbert hieß zwar wie mein Nachbar, aber leider sprach er kein Wort deutsch. Trotzdem sollte er uns auf dem Ausflug nach Jerusalem und Bethlehem, zwei wohl für die Christenheit unbeschreiblich wichtiger Orte, vieles Wissenswertes über dieses heilige Land erzählen.
Eine Bemerkung traf dabei sicherlich ins Schwarze, denn laut unserem Guide sei Israel zwar klein, aber dafür das Ego umso größer.

Unser erste Stopp führte uns über die Dächer von Jerusalem, eben jener Stadt, in der Jesus nicht nur gekreuzigt wurde und starb, sondern auch eines der Kreuze auf dem Rücken über die Via Dolorosa schleppen musste. Früher dachte ich ja, die Via Dolorosa sei eine große Straße außerhalb der Stadt, welche vielleicht Jerusalem mit Bethlehem verbinden würde. Doch weit gefehlt, die Via zieht sich quer durch die Altstadt dieser wundervoll geheimnisvollen Gemeinde, durchquert dabei unzählige Basare, welche auf Grund ihrer Enge vermutlich noch nie von Sonnenstrahlen verwöhnt wurden. Bis hin zur Grabeskirche, einer kleinen unglaublich alten Kirche inmitten der Altstadt, welche von verschiedenen Religionen geteilt und auch geprägt wurde. 3B4E85E7-CB79-4C77-A17A-65D1C336CD93 Spätestens dort stellt man beeindruckt fest, wie wichtig den meisten Besuchern der Glaube an Gott ist und wie berührt diese Menschen von der scheinbaren Anwesenheit des verstorbenen Jesus reagieren. Gerade der Salbungsstein am Eingang der Kirche bringt immer wieder Besucher dazu sich hinzuknien und lange über diesen Stein zu streicheln oder zu beten.

Obwohl es kein leichtes für Norbert war, seine Schäfchen nicht in den engen und an diesem Tag ziemlich überfüllten Gassen zu verlieren, schaffte er jedoch die meiste Zeit genau das. Eben alle beisammen zu halten und geschlossen an die Klagemauer, dem wichtigsten Ort für alle gläubigen Juden, zu führen. D5D476B7-9839-46A8-8B7B-5C881FB05895

Es ist schon beeindruckend, wie sich die streng gläubigen Juden regelrecht in Trance „schaukeln“ und ihr scheinbar unermessliches Leid klagen. Auch der ein oder andere Kölner in unserer Reisegruppe konnte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, sein Leid über die momentane Situation seines Clubs ausführlich zu beklagen. Wie wichtig dieser Ort den Einheimischen ist sieht man vor allem daran, wie viele Soldaten dort wirklich schwer bewaffnet auf Patrouille gehen. Niemand soll jemals mehr auf die Idee kommen, den Israelis ihre heilige Stätte zu entreissen. Und wenn dies Krieg bedeuten würde, so wären die vor allem sehr jungen Soldaten und Soldatinnen scheinbar dazu bereit.

Obwohl uns die Stadt Jerusalem schon viel abverlangte und wir in der Hitze dieses Tages bereits ziemlich viel zu verarbeiten hatten, ging es am nachmittag weiter in die Geburtsstadt von Jesus. 20 Kilometer durch dicht bebautes Gebiet ging die Fahrt vorbei an einem Checkpoint, der das israelisch bewohnte Staatsgebiet vom besetzten Palästina trennte. 10a604a3-8bce-4267-951b-18635925d855.jpeg
Eine sicherlich 8 oder sogar 10 Meter hohe Mauer, besetzt mit Stacheldraht, bildete diese inoffizielle Grenze, die spätestens beim Anblick der Wachtürme an die Berliner Mauer erinnerte. Nur eben höher und garantiert mindestens ebenso tödlich. Die scheinbare Hilflosigkeit der Palästinenser zeigt sich an eben jenen Wachtürmen, die offensichtlich mit Farbbeuteln beworfen wurden, um so die Fenster für die Besatzer undurchsichtig zu machen. Überraschender Weise zeigte sich das palästinensische Bethlehem jedoch gar nicht so arm, wie man die Gebiete eigentlich aus dem Fernsehen kennt. 52da39be-79f5-4970-96dc-2c3f8ccc2d4a.jpeg
Selbst hier, in dieser wirtschaftlich wenig entwickelten Region, welche dem Wohl und Wehe Israels ausgesetzt ist, findet man gläserne Bürotürme und schicke Einfamilienhäuser.

Das Zentrum der Stadt ist ein renoviertes, blühendes Stück Frieden, wo man sich direkt neben der Geburtskirche stehend kaum vorstellen konnte, dass das Leben hier gar nicht so unbeschwert war, wie es oft berichtet wird. Fördergelder aus der EU und der aktuell bestehende Friedensvertrag von Oslo schaffen den Bewohnern Möglichkeiten, ihr Leben halbwegs normal gestalten zu können. So lange er jedenfalls nicht aus dieser von Israel vorgegebenen Ordnung ausbrechen möchte.

Bevor es jedoch zu eben jener Geburtskirche des berühmtesten Herrn der christlichen Welt ging, wurden wir an einem Souvenirladen abgeladen, wo wir zu horrenden Preisen angeblich handgefertigte Produkte erwerben sollten, die eher nach chinesischer Massenware aussahen. Abzocke gibt es eben überall und spätestens nach der zehnten Aufforderung ließen die vor dem Geschäft umherlaufenden Straßenhändler von einem ab. Letztlich suchten wir also die Stätte auf, in der Jesus angeblich das Licht der Welt erblickte. Auch hier traten sich die Touristen auf die Füße und wie verrückt sich manche in Sehenswürdigkeiten verhalten, zeigte sich am Ende eines Ganges, welcher lediglich zu einer abgeschlossenen Tür führte. Dort standen die Leute an, um einen Blick durch das Schlüsselloch der dortigen Tür zu erhaschen. Lustiger Weise gab es keinen geheimen Raum zu erblicken oder gar den lebenden Jesus, sondern einfach nur den Verkaufsraum des hauseigenen Shops, welcher ganz und gar nicht heilig oder geheimnisvoll daher kam. Zum kaputtlachen war es allemal, wie brav die Leute Schlange stehen, nur um durch ein Schlüsselloch zu schauen. 😉

Es war tatsächlich auch für nicht getaufte Besucher wie mich ein eindrückliches Erlebnis jene Stätten zu besuchen, die nicht ganz unschuldig am Krieg der Religionen auf dieser Welt sind oder zumindest irgendwann Auslöser dafür waren. Verrückt und beängstigend zugleich.

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„Nein danke, ich möchte kein Eis in mein Getränk.“

Sichtlich fertig fuhren wir am Abend zurück nach Tel Aviv, um nach einem ausgiebigen Essen und vielen, kleinen mexikanischen Getränken ziemlich angeschlagen und glücklich ins Bett zu fallen.

Am dritten Tag wurde Tel Aviv erkundet, der jungen und aufstrebenden Metropole am Mittelmeer. Dort wo die Alten immer noch auf den Steinen sitzen und geduldig fischen. Im Gegensatz zu früher kommen die Herren heute jedoch mit dem Elektrofahrrad und einer Hightechangel an den Strand. Und high oder besser hoch ist vieles, wenn man sich in der Stadt umschaut.
Wo vor 10 Jahren ein einziger Wolkenkratzer den Himmel berührte, stehen heute im ganzen Stadtgebiet unzählige dieser Hochhäuser und es wird gebaut, als müsste das Land die halbe Menschheit aufnehmen. Das Israel ein Land mit der höchsten Einwandererrate weltweit ist, dürfte kein Geheimnis sein. Viele Juden auf dieser Welt fühlen sich verfolgt oder diskriminiert und so sollen es monatlich bis zu 20000 Neuzugänge sein, die in diesem Land ein neues Zuhause suchen. Interessanter Weise ist der Zuzug aus Frankreich im Moment besonders hoch, dem dortigen Rechtsruck „sei dank“.

5c037185-2f2a-49d0-8b3d-d95a9f42c1cd-e1510875197504.jpegÜber die endlos erscheinende Strandpromenade ging es für mich an diesem Morgen ins Mannschaftshotel der deutschen U21, welche wir am Abend mit unserer Anwesenheit beehren wollten, um dort unsere Tickets abzuholen. Vorbei an vielen Strandbesuchern, die allerdings durch Lautsprecherdurchsagen trotz fast 30 Grad Celsius am Gang in die Fluten gehindert werden sollten. In Israel endet die Badesaison im Oktober und danach gibt es keine Rettungsschwimmer mehr am Strand, so ließ ich mir erklären. Dass sich die vielen jungen, gut aussehenden Sonnenanbeter davon nicht abhalten ließen, muss fast nicht erwähnt werden. Übrigens scheint die elektronische Fortbewegung wirklich sehr beliebt zu sein, ständig wird man von ultraschnellen Elektrofahrrädern oder selbstfahrenden Skateboards mit E-Antrieb überholt und neben der Sonnenmilch haben viele Besucher ihren Fahrradakku auf dem Handtuch liegen, damit dieser nicht in Abwesenheit vom Fahrrad geklaut wird.

Auf dem Rückweg fiel mir ein junges Mädchen auf, welches mit schwarzen, ölverschmierten Fingern versuchte, ihre Fahrradkette des analogen Fahrrades zu reparieren. Auf meine Frage, ob ich ihr helfen könnte gab sie zu verstehen, dass sie sich sehr über Hilfe freuen würde. Während ich mich als Mechaniker versuchte, kamen wir ins Gespräch und sie erzählte mir, vor einigen Monaten in Deutschland gewesen zu sein. Dort habe sie ebenfalls ein Problem gehabt, doch jeder den sie daraufhin ansprach ignorierte sie und ging einfach weiter. Ich fragte sie, in welcher Stadt sie zu Besuch gewesen sei und sie erwiderte, es war in München. Nur ein Spanier habe ihr letztlich geholfen und dies war für sie ein sehr seltsames Gefühl, so allein und ignoriert worden zu sein. Ich versuchte sie zwar davon zu überzeugen, dass der Münchner an sich ein wenig anders sei, wie beispielsweise ein Kölner oder Berliner, aber letztlich überzeugte sie dann vielleicht eher die Tatsache, dass ihr Fahrrad nach geraumer Zeit seinen Dienst wieder aufnehmen konnte und ihr ausgerechnet ein Deutscher zur Hand ging. Zumindest konnte ich in meiner ToDo-Liste einen Haken an den Punkt „jeden Tag eine gute Tat“ machen.

Am Abend fuhren wir mit dem öffentlichen Nahverkehrsbus Richtung Stadion. In dieser Situation habe ich Google dafür gedankt, dass wir trotz ausschließlich hebräisch angezeigter Haltestellen ohne Umwege zum Stadion gelangen konnten. Ohne diese wundervolle Erfindung wäre es gar nicht so einfach, den richtigen Weg zu finden. Am Stadion angekommen waren schon von weitem die imposanten Flutlichtmasten zu sehen. Mit über 41000 Plätzen ist die Arena bis heute die größte Spielstätte des Landes und wurde bis 2014 von der A-Nationalmannschaft genutzt. A5654B92-E398-418E-857E-EB8970562C67

Israel U21 – Deutschland U21 2:5 (1:1)

EM-Qualispiel; Ramat-Gan Stadium (41583 Plätze) 1500 Zuschauer (100 Gäste)

Heute spielt nur noch ein örtlicher Fußballverein und eben der Nachwuchs der israelischen Nationalmannschaft in dieser Schüssel mit Laufbahn und deutlich sichtbaren Anzeichen der Alterung.

Die etwa 100 deutschen Fans wurden bei lauen Abendtemperaturen bestens unterhalten. Der israelische Nachwuchs wehrte sich tapfer und die deutschen Jungs wurden am Ende ihrer Favoritenrolle mehr als gerecht. Der ein oder andere Profi verteilte nach dem Spiel sein Trikot unter den Anwesenden, nur Flo Neuhaus musste nein sagen, immerhin hatte er in diesem Trikot sein erstes Länderspieltor für die U21 erzielen können. Schade, so unter uns Fortunen war leider kein Deal möglich.

Ach so, das Spiel unserer N11 haben wir im Anschluß auch noch zeitweise verfolgen können. Einzig in einer als Shishabar getarnten Drogenhölle zeigte man sich bereit, das Spiel gegen die Franzosen zu zeigen. Wobei die kreischende Stadionsprecherin das Auffälligste an der Übertragung bildete, die selbst in mehreren tausend Kilometer Entfernung zu hören war. Unsere Gastgeber waren sichtlich irritiert und stellten auch zügig den Ton leise, denn nicht nur ihnen verursachte diese Form der menschlichen Stimme Kopfschmerzen.

Alsbald ging auch dieser Tag in die letzte Nacht in Israel über. Einem Land mit all seinen offenen Wunden, Absurditäten und einer ungezügelten Aufbruchstimmung. Dort merkt man erst, wie fatalistisch die Menschen mit jahrelangen Bedrohungen umgehen können. Es ist nicht wichtig wie hübsch der Vorgarten oder Anstrich des Hauses ist, viel wichtiger ist es, die Zeit die man zur Verfügung hat einfach zu genießen. Erst Recht da, wo man eigentlich nie so genau weiß, wie lange dies sein wird.

Auch die Schikane des israelischen Geheimdienstes bei unserer Ausreise, welcher uns zunächst eine halbe Stunde warten ließ um uns dann mehr oder weniger die selbe Zeit zu unserem Aufenthalt zu befragen, konnte die gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse  nicht trüben. Es bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann in naher Zukunft Lösungen für die Konflikte der Region finden lassen und die Menschen zumindest ohne sich töten zu wollen nebeneinander friedlich leben können. Dafür ist das Land zu schön, als dass es sich wegen unterschiedlicher Religionen und Auffassungen zerstörten lassen sollte!

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