Es gibt viele schlüssige Argumente zu sagen, ich fahre dieses Jahr nicht zur Fußball-WM nach Russland. Ja es stimmt wahrscheinlich, dass es in Russland derzeit weniger demokratisch zu geht, als wir es uns selber wünschen würden. Und ja es stimmt sicher auch, dass die der WM vorausgegangene Bewerbung auch von Korruption und machtpolitischen Spielchen geprägt war. Und es mag sein, dass es definitiv organisatorisch und infrastrukturell bessere Austragungsländer als Russland gegeben hätte. Und als wären diese Gründe für eine Ablehnung dieses WM-Kandidaten nicht schon ausreichend, scheint das System „Staatsdoping“ auch den russischen Fußball infiziert zu haben, denn angeblich sollen über 30 Spieler der „Sbornaja“ gedopt haben. Ohne hier näher darauf einzugehen, welche der Vorwürfe so oder so ähnlich zutreffen könnten, gibt es genug Fußballinteressierte, die sich deshalb den Weg nach Russland ersparen. Erst Recht, wenn man sich die Bilder der EM in Frankreich vor Augen führt, wo organisierte russische Kampfsportler vor allem unter englischen Fans für Angst und Schrecken sorgten.

Natürlich sind all dies gute Gründe, über einen persönlichen Boykott dieser WM nachzudenken. Und dennoch fahre ich nach Russland! Nicht den Organisatoren der FIFA oder Russlands zuliebe, sondern für „meinen“ Sport, der mich seit Kindestagen fasziniert und für „meine“ Mannschaft, der ich die Unterstützung vor Ort nicht verweigern kann. Immerhin fühlt es sich gut an, vielleicht mit seiner Stimme und Anwesenheit einen kleinen Teil zum Erfolg beitragen zu können. So weit so romantisch. Auch ich weiß, dass diese Mannschaft vielleicht keinen Wert darauf legt, ob der Fan nun da ist. Es ist auch klar, dass für den ein oder anderen Spieler die Steigerung des eigenen Marktwertes im Vordergrund steht, aber ich glaube dennoch, dass es darüber hinaus ebenso Spieler mit dem Adler auf der Brust gibt, die gerne und stolz für ihr Heimatland auf dem Rasen stehen!

Nur vor Ort haben die Fans jedoch die möglicherweise einzige Gelegenheit, ihren Protest gegenüber dem System FIFA oder dem Gastgeber Russland auszudrücken. Man wird zwar gezwungen, die überteuerten Tickets des Veranstalters zu kaufen, doch alles andere liegt in der eigenen Hand. So bleibe ich zum Beispiel zwischen den Spielen vor Ort und beschäftige mich mit den Menschen die dort leben. Ich gehe in die Geschäfte oder Restaurants der Einheimischen und lasse mit Sicherheit nicht wenig Geld dort. Davon profitierten diejenigen, die vom Milliardenkuchen der FIFA keinen Cent abbekommen oder rund um die Stadion keine Gelegenheit haben, ihre Waren anzubieten. Und ich boykottiere aus Überzeugung alles, was mit dem üblichen Merchandise der FIFA zu tun hat. Weder kaufe ich ein von der FIFA angebotenes T-Shirt, noch werde ich im Stadion das Catering nutzen. Denn auch hiervon profitiert kein kleiner Kioskbesitzer vor den Toren der Stadien, das Geld fließt nur denen zu, die es ohnehin nicht verdient und nötig hätten.

Eventuell ist es ja zu romantisch gedacht, dass ich mit meinem Besuch dem Land auch etwas Gutes tue. Vielleicht ist es viel zu romantisch gedacht, dass sich mein Team über meine Unterstützung vor Ort freut, aber letztlich ist es meine Liebe zum Fußball, die mich (noch) nicht fern bleiben lässt. Bei allem Pathos ist mir bewusst, dass sowohl diese, als auch die nächste WM nicht aus Liebe zum Sport eben dort ausgetragen wird, sondern Machthaber den eigenen Anspruch auf ihre Macht festigen oder das Land in einen positiven Fokus rücken wollen. Und trotz der vielen Verantwortlichen, die sich beim Bau der Stadien die Taschen gefüllt haben, dem nicht ausgeräumten Verdacht des Staats-dopings auch unter russischen Fußballern, gebe ich die Hoffnung auf fairen Sport nicht auf. Denn Länderspiele sind in Zeiten, in denen sich reiche Menschen Fußballclubs als Hobby halten und mit ihrem Geld die richtig guten Fußballer in den eigenen Stall holen, die einzigen Fußballspiele oberhalb der Amateurligen, wo der Erfolg nicht durch Geld erkauft werden kann, sondern der beste Jahrgang eines Landes um den Titel kämpft! Noch zumindest. Und am Ende dieser Zeit stehen vielleicht neue Freundschaften, Erfahrungen und Blickwinkel auf dieses doch so faszinierende Land und letztlich steht der Ball und der hoffentlich faire Sport im Fokus der Fußballwelt.

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