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Nach vielen Monaten der Vorbereitung und unzähligen Stunden am Computer, stand endlich der 1. Tag unserer WM-Tour nach Russland an. Unsere erste Station sollte die Hauptstadt Moskau sein, die Stadt in Europa, mit den meisten und unterschiedlichsten Gesichtern. Moskau, mit offiziell 12,5 Millionen Einwohner eine Riesenmetropole und mit seiner Fläche 3x so große wie Berlin, ist auch für die meisten Russen der Sehnsuchtsort. Über 60% der Russen könnten sich vorstellen, in der Hauptstadt zu leben. Trotz täglichem Verkehrschaos, trotz ewig weiter Wege und trotz hoher Lebenshaltungskosten, die von einem normalen russischen Gehalt kaum zu stemmen sind. Uns erwartete eine schöne Stadt, eine auch lebensfreudige Stadt, die den Sommer sehnlichst gesucht und endlich gefunden hat. Eine Stadt mit großer Geschichte und berühmten Menschen, die sie über Jahrhunderte geprägt haben. Vor allem eine Stadt, die stets im Wandel der Zeit versucht hat, ihre Eleganz nicht zu verlieren.

Für viele hieß es also mitten in der Nacht aufzustehen und den Flughafen Düsseldorf anzusteuern. Eine unangenehme Zeit, denn man quält sich aus dem Bett und droht dennoch stehend wieder einzuschlafen. So wie einer unserer Mitfahrer, der mich um die Boardingzeit herum anrief und mitteilte, jetzt den Check-In Schalter aufsuchen zu wollen. Die Wetten standen schlecht und vollkommen gegen ihn, doch eine circa 40-minütige Verspätung des Aeroflot-Fliegers ließ ihn rechtzeitig einsteigen und Platz nehmen. Leider durfte ein anderer Mitfahrer gar nicht erst den Fuß ins Flugzeug setzen. Ihm wurde ein Tag vor Abflug ohne Angabe von Gründen per Mail mitgeteilt, dass seine vor einigen Wochen erteilte, genehmigte und ausgestellte FAN-ID abgelehnt wurde. Natürlich hat er versucht am Flughafen unseren Flieger zu besteigen, doch der Ausweis war hier schon nicht mehr gültig.

Um 6:20 Uhr sollte der Abflug erfolgen, mit besagter Verspätung hob die Maschine dann endlich in Richtung Abenteuer Russland ab. In den Köpfen vieler Mitfahrer, die es vorher noch nie nach Russland verschlagen hatte, kreisten spätestens jetzt die Gedanken um das Gastgeberland. Wie wird man empfangen, wie frei kann und darf man sich bewegen oder äußern und wird man auch tatsächlich ohne Visum und lediglich mit der FAN-ID an der Passkontrolle durch gewunken?

Am Flughafen in Moskau erwarteten uns dann tatsächlich lächelnde Zollbeamte, die laut Medienberichten im Vorfeld dieses Lächeln wohl erst lernen mussten. Durch frühere Reisen nach Moskau war ich ehrlich überrascht, wie freundlich man aktuell in Russland empfangen wird. Die Ticketausgabe im Flughafenterminal kostete zwar etwas Zeit, aber keine Nerven, da alles reibungslos und ohne Probleme vonstatten ging. Auch mit der FAN-ID und dem Transfer hat alles hervorragend funktioniert. Alec, unsere einheimische Hilfe vor Ort, nahm uns an der Hand und koordinierte den Check-In-Vorgang im Hotel. Denn auch hier wurde man erst einmal registriert. Aber so richtig! Sämtliche Pässe wurden bis auf die letzte Seite kopiert, die FAN-ID´s natürlich ebenso.

Problematischer wurde es allerdings in Sachen WIFI im Hotel, denn eine Registrierung und damit die Freischaltung des kostenlosen Internetempfanges war nur mit einer russischen Nummer oder über Umwege, die der Rezeption bekannt waren, möglich. Da eine russische SIM-Karte tatsächlich nicht allzu viel kostet, macht es wirklich Sinn, sie sich vor Ort zu besorgen und zu nutzen. Als ich meinen Zimmersafe bestücken wollte, war die Rezeption dieses Mal nicht der richtige Ansprechpartner. Statt dessen solle man sich an die Putzfrau der jeweiligen Etage wenden, die wisse den Code für den Safe und helfe auch beim eingeben des Kennwortes. Denn leider, wie so viele wichtige Schriftstücke, war die Bedienungsanleitung ausschließlich in russischer Sprache zu finden. Letztlich konnte aber meine Raumpflegerin nicht bei der Lösung des Problems helfen.

Am Ende des Tages nahm man Kontakt auf und fing an, die umliegende Lokalitäten auf ihre WM-Tauglichkeit zu prüfen. Dabei stellten wir schnell fest, dass nur die wenigsten Einwohner englisch sprechen. Vieles, wie Wegweiser und Speisekarten sind zwar in zwei Sprachen vorhanden, jedoch gibt es unzählige Situationen, wo dies leider nicht der Fall ist. Alles in allem kommt man aber doch dort an, wo man hin möchte. Und die Menschen auf die man trifft sind zumeist freundlich. Oft auch einfach nur unsicher und man hat tatsächlich das Gefühl, dass sich der Schalter zwischen dem Systemdenken hin zum weltoffenen Gastgeber erst langsam umlegt. Zunächst wirst du kritisch beäugt, anschließend aber setzt sich dann doch der Drang durch, zurück zu lächeln. Gerade die Damen und Herren in Uniform scheinen doch hin und wieder ein Problem mit der Masse an fremden, oftmals westlichen Menschen zu haben. Wobei sich dies im persönlichen Gespräch schnell auflockern lässt. Aber als Bartträger, so musste ich von Alec lernen, wird man schnell in eine Schublade mit tschetschenischen Terroristen gesteckt, die gerade in Moskau nicht so gut gelitten sind.

Der 2. Tag stand noch im Zeichen des Ankommens, der Organisation und des sich einleben. Zuvor wurde jedoch versucht zu frühstücken. Aber eben nur versucht, denn das was da angeboten wurde, ließ den meisten nicht das Wasser im Munde zusammen laufen. Ein Potpourri aus Salaten und hart gekochte Eier, deren inneres Aussehen und deren Geruch an alles andere als ein Eiweißprodukt erinnerte, ließen das Angebot schnell auf etwas Brot mit Butter und Marmelade schrumpfen. Immerhin schmeckt der Kaffee aus dem Automaten, so dass der Tag zumindest wach beginnen kann. So wach, dass man seinen Mitfahrern die Tickets für die Spiele aushändigen konnte und ich mich dafür in ein Hoteleigenes Café zurück zog. Doch die beiden Damen, die scheinbar die Herrinnen über die insgesamt 8 Tische waren, schienen damit nicht einverstanden. Sie bedeuteten mir, dass die Bar geschlossen sei und als ich ihnen bedeutete, dass ich nichts trinken, sondern nur einen bequemen Tisch nutzen wolle, schüttelten sie nur mit dem Kopf, um anschließend mit einem bewaffneten Polizisten und einem Mitarbeiter des Hotels zu erscheinen. Dieser gab mir zu verstehen, dass man dort in diesem Raum keine „Geschäfte“ machen dürfe und ich sonst im Gefängnis lande, würde ich nicht sofort damit aufhören. Lieber keine Widerrede und einfach in die Lobby gewechselt, dort war es dann kein Problem, alle Mitfahrer mit den Eintrittskarten für die Spiele der Gruppenphase zu versorgen. Letztlich erfuhren wir, dass die besagte Bar tatsächlich nur von Angehörigen der nahe gelegenen Polizeischule genutzt werden dürfe, allerdings ist uns kein einziger Schüler über den Weg gelaufen, denn alles was zwei Beine und eine Uniform hat, darf während der WM Dienst am Spielort versehen.

Letztlich teilte sich die Gruppe ganz nach Interessen sortiert auf, die ersten konnten es nicht erwarten, die Moskauer City zu besuchen, wieder andere steuerten eines der unzähligen Stadien der Region an. Hierbei wollten wir doch mal testen, wie das Fahren mit dem ÖPNV unter Vorlage der FAN-ID funktioniert. Denn im Vorfeld der WM ließen die russischen Organisatoren verlauten, dass die Nutzung der ID an Veranstaltungstagen, also Tagen, an denen in der jeweiligen Stadt ein Spiel stattfindet, zur kostenlosen Nutzung des Nahverkehrs berechtigt. Während es an unserer nahegelegenen U-Bahnstation noch perfekt funktionierte, ließ man uns schon am zweiten Checkpoint nicht mehr ohne weiteres weiter. Hier sollte nun ein Ticket für das Spiel des Tages und die FAN-ID vorgezeigt werden, hatten wir natürlich nicht, es spielte am Abend ja Argentinien gegen Island. Etwas weiter außerhalb half uns dann eine nette Russin dabei, diese Regelung der Bahnbediensteten am Fahrkartenschalter zu übersetzen. Diese telefonierte mit ihrem Chef und fing nun ihrerseits an, sämtliche FAN-ID´s unsere nicht kleinen Gruppe zu registrieren. Sehr zum Unbill der hinter uns stehenden Bahnkundschaft. Als dann auch noch der Zug einfuhr, wurde das Prozedere schnell abgebrochen und die Tickets mit Rubel bezahlt und der netten Russin für ihre Mühe gedankt.

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Fanauswahl Deutschland – Fanauswahl Mexiko 4:4 (2:3)

Freundschaftsspiel; Stadion Rodina Khimki (5083 Plätze); 100 Zuschauer

Nach ein paar Minuten Bahn fahren und wenigen Schritten zu Fuß erreichten wir unser erstes Tagesziel, die Begegnung zweier Fanteams aus Deutschland und Mexiko, wobei auf deutscher Seite Matze Knoop alias Jogi Löw an der Seitenlinie stand. Nachdem wir uns das Fanmatch bei strahlendem Sonnenschein antaten, welches übrigens ähnlich gesichert und kontrolliert wurde wie ein Punktspiel in der Bundesliga, wollten wir fünf Taxen zum nächsten Highlight des Tages, einem Spiel der 4. russischen Liga, akquirieren.

Am Bahnhof sprachen wir zu diesem Zweck einen Taxifahrer an, der schnell ob fehlender Sprachkenntnisse auf einen zwielichtigen Kumpel zurück griff. Dieser besorgte allerdings innerhalb kürzester Zeit fünf Droschken, wobei der Preisvorschlag von 7500 Rubel auf glatte 7000 Rubel für alle fünf Fahrzeuge gedrückt werden konnte. Dies entsprach insgesamt 100 Euro für eine Fahrtstrecke von 39 Minuten, verglichen zu Deutschland ein Schnäppchen. Allerdings nach einer Schimpftirade eines Russen zu urteilen für russische Verhältnisse eher Wucher. Nachdem der Preis feststand, bot sich ein unbeteiligter Mann an, für uns zu übersetzen und zu helfen, was wir dankend ablehnten. Aber diese Hilfsbereitschaft sollte uns in den ersten drei Tagen immer wieder begegnen. Die Menschen gehen immer wieder helfend zu Hand, unaufgefordert. Wie auch so manch anderer Gesprächspartner, der uns gern auf eine Flasche Wodka in sein Zuhause eingeladen hätte, was wir allerdings irgendwann nicht nur dankend, sondern auch bestimmt ablehnen mussten.

Wir waren also unterwegs mit fünf Taxen, deren Fahrer die Taxischilder vorsorglich im Innenraum verstauten. Man klatschte sich ab auf der Autobahn, man fuhr wie von der Hornisse gestochen oder blieb einfach mal auf der Autobahn stehen, da man sich des Weges unsicher war. Auf jeden Fall kamen wir heile am Stadion an.

FK Olimp Moskwa – Dyussh Orbita 9:0 (5:0)

3. Division Moskau Oblast B (4. Liga); Municipalnii Stadion Stroitel (1800 Plätze); 60 Zuschauer

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Das Spiel selbst war nicht der Rede wert bis auf die Tatsache, dass wir viele Tore sahen und uns die Lebensgefährtin des Gästetorwarts ansprach, was wir denn bei einem Spiel der 4. Liga täten. Spätestens als ihr Freund das sechste Tor kassierte, tat sie uns leid, wobei sie dieses Mitleid von sich schob und so tat, als wüsste sie nicht so recht, warum ihr Partner überhaupt dort im Tor stand. Auch die Taxifahrer, welche sich die Rückfahrt natürlich nicht entgehen lassen wollten, blieben im Stadion und hoben die Zuschauerzahl noch einmal an. Spätestens jetzt wussten wir, dass sich die Fahrt finanziell für die fünf Jungs mit den doofen Touristen gelohnt hatte.

Der erste Tag ging so irgendwann in einem usbekischen Restaurant zu Ende, wo uns überraschender Weise Fußball und einige Bauchtänzerinnen serviert wurde.

Kaum in Moskau anwesend, stand auch schon der erste Spieltag der deutschen Nationalmannschaft auf dem Tagesordnungspunkt. Doch zu Beginn des 3. Tages begaben wir uns zunächst auf eine kleine Tour durch die Unterwelt der Moskauer Metro, die so vieles an Geschichte zu bieten hat, dass man sich dieses Stück russischer Baukunst nicht entgehen lassen sollte. Wie es dann natürlich an einem Spieltag so kommt, trafen je 40 mexikanische und deutsche Fans aufeinander. In einer dieser Metrostationen, deren Gewölbe einen so schönen Hall erzeugt. Der arme, einsame und noch sehr junge Polizist fing an zu schlucken, die jeweilige Fangruppen fingen im Wechsel an zu singen und der überforderte Kerl sprang zwischen beiden Gruppen hin und her, um sie mit Gestik und Mimik davon abzuhalten. Letztlich gingen beide Gruppen ihrer Wege und der inzwischen rot angelaufene Ordnungshüter war sichtlich froh, auf völlig harmlose Fußballfans getroffen zu sein.

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Die Hilfsbereitschaft hielt übrigens auch an diesem Tage weiter an. Als uns ein aggressiver, angetrunkener Bettler nicht in Ruhe lassen wollte und irgendwann anfing zu schimpfen, kamen zwei resolute Mütterchen jenseits der 70 auf den Mann zu, sprachen diesen unmissverständlich an, dieser zog eine Schnute und trollte sich im Arm eines der Mütterchen aus unserer Reichweite. Übrigens fiel jedem von uns auf, dass wirklich jede U-Bahnstation, jeder Gehweg äußerst sauber erscheint. Es gibt im Stadtzentrum weder Graffiti, noch liegen irgendwelche Müllberge auf der Straße. Immer wieder begegnet man Putzkolonnen und an jeder Metro-Rolltreppe sitzt ein Aufpasser für den Notfall.

Deutschland – Mexiko 0:1 (0:1)

WM-Gruppenphase; Luzhniki-Stadion (81000 Plätze); 78011 Zuschauer

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Irgendwann erreichten wir dann auch das Stadionumfeld, denn es sollte endlich auch für unsere Mannschaft losgehen. Das erste Gruppenspiel stand an! Schnell zeigte sich, dass die Mexikaner deutlich in der Überzahl waren. Während vergleichsweise nur wenige Deutsche den ebenso vergleichsweise kurzen Weg auf sich nahmen, überfluteten die Mexikaner die Stadt regelrecht. Und die Stimmung war entsprechend gut, denn eines können die Jungs und Mädels, feiern!

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Auch im Stadion hielt dieser Eindruck an. Es waren sicherlich 40 oder 45000 Mexikaner anwesend, die ihre Mannschaft unterstützten. Aus Deutschland waren vielleicht 10000 Fans anwesend oder trugen zumindest ein deutsches Trikot. Denn an die Stimmung der Mexikaner kamen wir hüftsteifen und mundfaulen Fans des Weltmeisters nicht heran. Ganze Blöcke saßen in ihren gesponserten T-Shirts und kamen gar nicht auf den Gedanken, mal den Arsch zu heben. Aber daran haben wir uns alle ja schon gewöhnt, dass die Zeiten richtig guter Stimmung längst vorbei sind. Und da hilft auch kein Fähnchen verteilen oder Farbe ins Gesicht malen.

Das Spiel selber umschreibe ich mit 3 Worten: Blutleer! Lustlos! Uninspiriert! Eine Frechheit jedem Fan gegenüber, der horrende Hotel- und Flugpreise auf sich nimmt und der FIFA durch immer weiter steigende Eintrittspreise zu neuem Reichtum verhilft. Dieses Rumgeeier auf allen Ebenen der Nationalmannschaft ist nur noch schwer erträglich. Sportlich, menschlich und emotional ist der Verband und das Team meilenweit von einem sympathischen und emphatischen Auftreten entfernt! Die Identität ist weg, die lauten Fans sind weg, der deutsche Teamspirit und Kampfgeist ist ebenso weg. Dieser Start in die WM war eine Ernüchterung, aber immerhin hat man wegen der lauten Mexikaner keine Pfiffe gegen Özil gehört.

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