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Endlich Freizeit. Am 6. Tag unserer Reise stand nun endlich der erste Strandtag der Tour an. Darauf haben sich die meisten von uns schon seit Beginn der Reise gefreut. Sommer, Sonne und Urlaub bedeuten nunmal auch oftmals Sand, Meer und knappe Badehosen. 

Einige aus der Gruppe waren schon früh auf den Beinen und konnten rund um das Mannschaftshotel den ein oder anderen Spieler erspähen. Auch Jogi ließ sich ablichten und alles in allem machte der Tross der N11 einen entspannten Eindruck. Kaum zu glauben, dass die selben Spieler der Nationalmannschaft erst kürzlich gegen das fußballerisch limitiertere Mexiko verloren hat. Viele fragten sich jedoch, warum die Mannschaft schon so früh aus ihrem teuer bezahlten Quartier in Watutinki ins sub-tropische Sotschi gereist sind? Vielleicht spielt ja der Lagerkoller eine Rolle oder einfach nur die Tatsache, dass man sich lange genug auf das schwierige Klima vorbereiten möchte. 

Wie auch immer, die meisten von uns interessierten sich ohnehin nicht für die anwesenden Promis, wobei man ihnen selbst am Strand nicht entgehen konnte, zum Beispiel aalte sich dort Herr Preetz mit seiner holden Begleitung und ließ es sich gut gehen. Wir genossen jedenfalls die Sonne und das warme Meer am sehr grobkörnigen Strand von Adler. Doch wer meint, dass hier unter den unzähligen Sonnenschirmen die große Party startete, lag weit daneben. Sicherlich lagen hier und da kleine Grüppchen von schwedischen und deutschen Fussballfans, aber mehr taten diese auch nicht. Lediglich die Einheimischen versuchten sich in Partystimmung zu bringen, in dem sie ihren Alkohol stilecht aus der Papiertüte konsumierten. Der offene Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit ist bei Strafe verboten. Aber an diesem freien Tag hatten wir genug Zeit, unsere Getränke in einer der vielen Strandbars zu konsumieren, wobei das Preis-Leistungs-Verhältnis der Speisen, zumindest in der unmittelbaren Strandlage, eher zu wünschen übrig ließ. 

An so einem freien Tag hat man endlich Zeit, sich seine Mitmenschen genauer anzusehen. Was man da so alles zu sehen bekommt, ist meist nicht erwähnenswert. Jedoch die Konfliktlösungsvorschläge einiger Einheimischer allerdings schon. So traf eine Kleinfamilie auf eine Fahrradfahrerin und es entspann sich ein heftiger, zunächst verbaler Streit zwischen den weiblichen Parteien. Dieser gipfelte darin, dass sich die Damen zunächst in die Haare griffen um daran besser ziehen zu können, sich anschließend gegenseitig die geballte Faust ins Gesicht boxten und nach erfolgtem Treffer auf die Nase ihre zerzausten Haare richteten und getrennter Wege gingen. Der anwesende Ehemann hielt sich vorsichtshalber aus dem Streit heraus und die Polizei, welche nicht weit entfernt stand, schien mit dem Endergebnis zumindest so zufrieden zu sein, dass ein Einschreiten nicht mehr notwendig erschien. Ebenso entspannte und aufmerksame Mitfahrer, die sich abends im Mannschaftshotel aufhielten wussten zu berichten, dass es dort in der Lobby von Prostituierten nur so wimmelte. Es wurden eifrig Visitenkarten verteilt und Kontakte geknüpft. Ein Nationalspieler wurde jedoch nicht in Begleitung einer leichten Dame gesichtet. Jedoch fragt man sich, auf was oder auf wen die Damen denn dort wohl warteten?

Viel bemerkenswerter, als das Verhalten oder Erscheinen von Damen des leichten Gewerbes im Hotel, finde ich allerdings das Verhalten eines unserer Nationalspieler. Als Toni Kroos in der Lobby von einem deutschen Fan nach einem gemeinsamen Selfie gefragt wurde, lehnte der Nationalspieler dies ab und wandte sich stattdessen Kindern zu und gab Autogramme. Soweit so gut. Doch als der Fan, wohlgemerkt in der Öffentlichkeit, ein eigenes Selfie mit dem Autogramme gebenden Kroos im Hintergrund machen wollte, wurde dieser unwirsch und sprach den Fan so oder so ähnlich an:

„Du verstehst doch deutsch, oder? Ich sagte keine Fotos mit Supportern.“

Unabhängig davon, dass ich die Spieler in ihrem Hotel lieber in Ruhe lasse. Aber ein Spieler, der deshalb so viel Geld verdient, weil Fans so blöd sind dies zu ermöglichen, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, der bei jedem Spiel von hunderten Kameras gefilmt wird, sollte sich seiner Stellung und Verantwortung eigentlich bewusster sein.

Am 7. Tag bestiegen wir früh den Bus, um Guide Alexander bei seinen Ausführungen über die Stadt Sotschi zu folgen. Nach dem wundervollen Ausflug in Moskau lag die Messlatte recht hoch und leider konnte Alexander diese Latte auch nicht auf Zehenspitzen stehend erreichen. Dafür hat Sotschi bei weitem nicht diese Geschichte, Vielfalt und Größe zu bieten wie Moskau, was für einen Guide natürlich eine undankbare Aufgabe darstellt. Natürlich gibt es das Meer, aber sonst scheint es nur Hotels und Sanatorien zu geben. Zumindest redete Alexander von nichts anderem und selbst, als wir das Denkmal Puschkins passierten, änderte sich daran nichts. Schade, zumal sich Alexander zu der ein oder anderen steilen These hinreissen ließ, was die Politik „seines Präsidenten“ anging. Bei 36 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit erklärte er, dass die Krim-Annexion durch sein Land absolut gerechtfertigt gewesen sei, die USA sich mit der Reaktion darauf in den Finger geschnitten hätte und die Bürger der Krim aus freiem Willen in das russische Reich eingegliedert werden wollten. Ebenso erzählte er über die autonome georgische Teilrepublik Abchasien und sprach von einem anerkannten Staat, wobei bekannt ist, dass bisher lediglich die russische Regierung die Abspaltung von Georgien als legitim betrachtet hat. Man kann sicherlich über viele Themen diskutieren, aber bei unserem Stadtführer hat die Propaganda und einseitige Berichterstattung Putins jedenfalls funktioniert. Letztlich lebt diese hübsche kleine Stadt von seiner Lage, aber ohne Highlights wie einen Kreml oder Schloss zu besitzen. 

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Viele Dinge in Russland sind übrigens verboten. Ob nachvollziehbare Gründe dahinter stehen oder nicht, ist erst einmal egal. Es ist eben verboten! So auch, trotz der hohen Temperaturen, die Füße in einen der städtischen Brunnen baumeln zu lassen. Alsbald kommen drei uniformierte Beamte um die Ecke, die scheinbar dort auf solch einen Frevel gewartet haben, und unterbinden diese Form der Erfrischung. Während zur WM in Deutschland die Gäste in den Brunnen tanzen durften, darfst du dich in Russland noch nicht mal an den Rand setzen. Und eben viele dieser kleinen, im einzelnen unbedeutenden Verbote macht das Erkunden von Russland manchmal richtig anstrengend. 

Nach rund 6 Stunden waren wir an unserem Hotel zurück, durchgeschwitzt und müde. Dem Fahrer und unserem Guide schien es ähnlich zu gehen und sie waren froh, uns endlich am Hotel absetzen zu können. Und trotz der Aufforderung, noch mal nachzusehen, ob jeder seine Wertsachen beisammen hat, fiel einem Mitfahrer das Telefon aus der Tasche und blieb im Bus. Nach dem dies 10 Minuten später auffiel, kontaktierte ich unseren Guide, welcher am Telefon eine Schimpfkanonade vom Feinsten startete, in die sein Fahrer im Hintergrund einstimmte. 20 Minuten später standen beide lächelnd vor dem Hotel, um das Telefon zu übergeben. 

Gegen Abend liefen dann die immer gleichen Rituale ab, wie die letzten Abende zuvor. Man fand sich mehr oder weniger pünktlich im Lokal mit TV ein, um sich den Spielen des Abends zu ergeben. Wobei ich gestehen muss, dass ich bei der Fülle an Mannschaften und Spielen einfach gar nicht mehr jedes Spiel sehen muss und will. Es wurde für den ein oder anderen Mitfahrer mal wieder sehr lang und die Russen staunten, wie die Schweden sich und den Fussball feierten. Und wie so oft hält eine Reise ins Ausland einige Erkenntnisse bereit. Und die Erkenntnis des Tages lautete dieses Mal: Bestelle in Russland niemals ein Getränk namens „Gehirntumor.“

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Der 8. Tag führte uns spontan in Richtung der weithin sichtbaren Berge. Genauer gesagt nach Krasnaja Poljana, dem Gebiet, wo vor knapp vier Jahren viele Wettbewerbe der olympischen Winterspiele von Sotschi stattfanden. Mit dem Linienbus für 38 Cent fuhren wir zum Hauptbahnhof von Adler. Dort angekommen staunten wir nicht schlecht, wie riesig dieser Vorortbahnhof wirkte. Dieser Eindruck bestätigte sich dann auch im Inneren. Doch bevor wir unsere Fahrkarten am Ticketschalter kaufen konnten, wurden wir von einer zunächst jungen Dame abgefangen, die uns dann ihre Minivantour verkaufen wollte. Ziemlich anstrengende Person, wobei ihre Hartnäckigkeit schon fast bewundernswert war. Mit dem neuen Zug, fuhren wir dann auf neuer Strecke, vorbei an neuen Straßen in Richtung Berge. 

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Am ebenfalls völlig überdimensionierten Bahnhof von Ester-Sadok stiegen wir aus und fuhren mit der Seilbahn in Richtung Sprungschanzen von Krasnaja. Wobei der Zugang zur Seilbahn nicht so richtig erkennbar war, wie so vieles leider nicht wirklich ausgeschildert wird in Russland. Über einen abgesperrten Parkplatz gelangten wir also zu Seilbahn, wo uns ein Mitarbeiter empfing, der gleichzeitig die Schranke bediente, uns zur Sicherheitskontrolle führte und diese selbst auch noch vornahm. Wobei dies im Wesentlichen so aussah, dass wir unsere Rucksäcke neben der Schleuse ablegen mussten, durch die Schleuse gehen durften, diese selbstredend laut piepte und wir anschließend ohne abgetastet zu werden weiter gehen konnten. Mehr Alibi-Maßnahme und Blödsinn auf einen Haufen geht fast gar nicht. 

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Mit der Seilbahn fuhren wir also ein paar Höhenmeter hinauf auf die Anlage der „RusSki-Gorki-Schanze“. Auf den ersten Blick sieht die Anlage top aus. Doch beim genauen hinsehen kann man den Pfusch am Bau gut erkennen. Überstehende Kanten, freiliegende Kabel, Stolperfallen und so weiter ließen das Vertrauen in die Kontruktion nicht unbedingt steigen. Unterhalb der Zuschauertribünen, in den dortigen Quergängen, lösten sich bereits jetzt, nach nicht einmal 4 Jahren, die Seitenwände auf und alles rostet fröhlich vor sich hin.

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Ein Angestellter der Schanze war so nett, uns ein paar Sachen zu erklären und führte uns auch oben auf den Schanzenturm der Großschanze. Er erklärte uns, dass es im Winter auf Grund des mangelnden Schnees keine Wettbewerbe gäbe. Auf Grund des Klimas würde man nur ein Sommerspringen durchführen. Ob man dies vor Vergabe der olympischen Winterspiele auch schon wusste? 

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Auf dem Weg zum Bahnhof durchquerten wir einen Ortsteil, der für die Spiele gänzlich neu konzipiert und gebaut wurde. Diese schiere Größe der Gebäude lässt einen zwar staunen, aber eher nicht vor Bewunderung. Riesige Hotelkomplexe, ein wuchtiges Casino und unzählige Geschäfte prägen das Bild. Und erst weit entfernt sieht man die kleinen Häuser der ehemals einheimischen Bevölkerung. Die Rückfahrt erfolgte dann von der Endhaltestelle von Krasnaja Poljana, von einem ebenfalls unfassbar großen, neuen Stahl-, Beton- und Glasbau, über den jede deutsche Kleinstadt stolz wäre! Und um diese unnötige Größe zu dokumentieren, fuhr dann auch nur ein Zug die Stunde über die neuen Gleise Richtung Sotschi. 

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In Adler angekommen, zeigten wir unseren speziellen Freunden den Finger, welche für 500 Rubel ein Taxi anboten und fuhren lieber für 25 Rubel Linienbus. Angekommen am Hotel wurde es eher ruhiger, denn der kommende Tag ist der erste Endspieltag um das Weiterkommen der Nationalmannschaft. Dann heißt es ausgeruht und fit zu sein!

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