Der 9. Tag unserer Reise begann eigentlich noch in der Nacht mit den üblichen Ritualen und Geschichten. Ist Euch schon mal aufgefallen, welche Geschichten sich nach zwei oder drei Kaltgetränken erzählt werden? Halbwegs nüchtern erinnert man sich nicht an diese Anekdoten und vieles könnte auch peinlich werden, doch irgendwann fängt einer an und jedem Tischnachbarn fällt dazu auch noch eine Kleinigkeit ein. Es wird über alte Spiele philosophiert, über jugendlichen Übermut, der gerade vor der Fußballeuphoriewelle hin und wieder mit einem blauen Auge oder in den Fängen der Polizei endete. Oder einfach nur Träumereien über den perfekten Fußball, die perfekte Auswärtsreise oder vielleicht nur die Traumfrau. Wenn dann plötzlich einer unserer Mitfahrer raushaut, dass seine Traumfrau leicht schielen und lispeln sollte, wird natürlich nachgebohrt. Telefonnummern von jetzt sich angesprochenen Damen leite ich gerne weiter. ;o) Schön auch die Story eines anderen Beisitzers, der sich an die Geschichte vom Radiohasen erinnern musste. Diesen Namen erhielt ein Mädel in Polen, als sie von einer Nacht mit einem Deutschen berichtete. Dieser habe wohl den Akt wie ein Hase vollzogen und dabei immer das Radio lauter gedreht. Und so hatte sie promt ihren Namen weg. Oder die Erlebnisse eines Kölners in Sofia, wo er rund um das Stadion Bäume entdeckte, die vollständig mit Unterhosen auswärtiger Fußballfans „geschmückt“ waren. Köstlich! 

Irgendwann ging es ins Bett und von da aus weiter ins Traumland, wenn nicht gerade ein Zimmernachbar mitten in der Nacht die Tür und eine Chipstüte auf riss und den Inhalt bei strahlender Festbeleuchtung genüsslich in sich rein schob. 

Gegen Mittag sammelte sich unsere kleine Gruppe in den üblichen Lokalitäten, um frühzeitig bei motivierenden Getränken und Gesängen in Spieltagsstimmung zu kommen. Erst zwei Tagen vor dem Spiel wurde ein Fanmarsch ausschließlich über WhatsApp organisiert, da die Polizei in Russland Demo-ähnliche Veranstaltungen lieber untersagt als zu genehmigen. So wurden auch einige von uns morgens von deutschen szenekundigen Beamten befragt, ob sie etwas über solch eine mögliche Ansammlung wüssten. Dies wurde natürlich verneint und so blieben die russischen Sicherheitsbehörden bis zum Schluss im Unklaren. 

Obwohl die meisten unserer Gruppe den weiten Weg bis zum Treffpunkt scheuten, waren wir mit den vielleicht 12 weiteren vor Ort eingetroffenen Fans zunächst nur 20, die entlang der Promenade auf sich aufmerksam machten. Nach und nach schlossen sich immer mehr deutsche Fans an und es wurde dann doch ein guter Haufen, der sich lautstark in Richtung Stadion bewegte und am Ende kamen gut 150 Fans dort an. Immer wieder gefilmt von russischen Badegästen, Polizisten und in den Kneipen sitzenden Deutschen. Die Polizei erkannte ungefähr zur Hälfte der Strecke, dass sich ein ungewöhnlicher Zug bildete und schloss sich ihrerseits mit immer mehr Weißhemden an. 

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Am Stadion angekommen war die Stimmung hinsichtlich des Spieles zuversichtlich. Der Pegel der meisten Anwesenden stimmte bei schwül-heißen Temperaturen ebenso und so waren wir gespannt, ob an diesem Tag etwas gehen würde. Sowohl spielerisch auf dem Platz, wo wir Herz und Leidenschaft erwarteten und auch auf den Rängen, wo endlich mal etwas kommen musste. Klatschpappenathmosphäre hatten wir jetzt die letzten Jahre oft genug!

Deutschland – Schweden 2:1 (0:1)

WM-Gruppenphase; Olympiastadion Sotschi (48000 Plätze); 44287 Zuschauer 

Obwohl man vor dem Spiel rund um das Stadion den Eindruck haben konnte, dass die Schweden in der Überzahl wären, sollte es im Stadion ein relativ ausgeglichenes Bild geben, wobei die weißen Shirts eher sogar die Mehrzahl stellten. 

Das Spiel begann wie erwartet, die Schweden gaben erstmal Vollgas, die N11 versuchte dagegen zu halten und es kam wie es kommen musste, die Schweden gingen in Führung und hatten auch Stimmungsmäßig ab diesem Zeitpunkt die Oberhand. Auf deutscher Seite war die Stimmung zu Spielbeginn schon fast herausragend. Vor allem, wenn man die letzten Jahre Revue passieren lässt, hörte man endlich mal sowas wie lautstarker Support. 

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Immerhin kämpfte sich unser Team in der zweiten Halbzeit zurück und Reus tat das, was er nach Meinung der Fans schon längst hätte tun sollen. Nämlich von Anfang an spielen und knipsen! Obwohl die Schweden zwischenzeitlich mindestens 2:0 hätten führen müssen, drehte die deutsche Mannschaft vor allem in den letzten 20 Minuten auf. Als allerdings Boateng vom Platz musste und Brandt nur den Pfosten traf, war das Ding für alle im Block gelaufen. Außer für einen Rostocker. Er schwor, dass wir 2:1 gewinnen würden und dies tat er schon nach dem Rückstand. Und er sollte Recht behalten, endlich zeigten sich die Mentalitätsmonster wieder von ihrer besten Seite und Kroos, der in den letzten Tagen und auch nach dem Spiel so ein wenig wie ein trotziges Kind auftrat, ließ den deutschen Block ausrasten! Ja, ausrasten!!! Bierduschen, Menschenknäuel, schwitzende und schreiende Menschen bildeten einen Moment der Glückseligkeit! Kurz gesagt, es war der Wahnsinn!

Nach dem Spiel zogen wir uns zu verdienten Feierlichkeiten zurück und kosteten das Leben in vollen Zügen aus. Endlich war die Überzeugung zurück, dass es jetzt endlich los geht mit dem Traum, den Titel zu verteidigen. Im wahrsten Sinne „Scheiß egal“ ist es für uns hier vor Ort, welche Stimmung in Deutschland herrscht. Für uns ist der Moment gekommen, trotz aller berechtigter Kritik am DFB und seiner Öffentlichkeitsarbeit, die auch nach der WM nicht verstummen wird, sich hinter die Jungs auf den Rasen zu stellen. Wir strecken jetzt erst Recht die Brust raus und ziehen unseren Kopf nicht ein. Denn uns kann kein Funktionär oder Marketingstratege unsere Liebe zu unserem Land, dem Spiel und unserer Nationalmannschaft nehmen! Auf nach Kazan und von da aus auf ins Achtelfinale!

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