Leider muss ich die letzten Tage in einen relativ knappen Bericht packen, zumindest was die Tage 10 bis 12 angeht, denn wir sind mit unserer Gruppe nicht nur aus dem Urlaubsort Sotschi weiter nach Kasan gereist, sondern gab es im Hinblick auf das mögliche Achtelfinale eine Menge vorzubereiten. Immerhin waren vor diesem Spiel drei Optionen denkbar. Die erste und einfachste für die weitere Planung wäre das Ausscheiden (undenkbar für uns), die zweite Option das Weiterkommen als Gruppenerster (der Traum für uns und für die weitere Planung) oder die wahrscheinlichste und damit die dritte Option, das Weiterkommen als Gruppenzweiter (Planungshorror hoch zehn). Immerhin werden 18 von uns das Achtelfinale besuchen und wer die Flugpreise kennt weiß, dass es „günstig“ nur mit der Bahn nach Samara gehen kann. 

Aber der Reihe nach und beginnen wir mit Tag 10 unserer Reise, dem Tag nach dem glücklichen Sieg über Schweden und der Hoffnung, doch noch in das Achtelfinale einziehen zu können. Von diesem Tag ist relativ schnell berichtet. Da wir so ziemlich alle fertig waren, sowohl von der Hitze im Stadion, als auch von dem wirklich guten Support. Also wurde am Strand von Sotschi relaxt oder anderen netten Dingen nachgegangen. Zudem mussten langsam die Koffer gepackt werden und wir bereiteten uns auf die Reise nach Kasan vor. Bevor es jedoch weiter gehen sollte, wurden noch diverse Souvenire gekauft. Ob der Sprachschwierigkeiten ein lustiger Akt. Denn möchtest Du die Frage stellen, ob etwas aus Gold ist, zeig einfach auf Deine Zähne und der Russe versteht was du meinst. Denn viele Russen tragen ihr Vermögen in Form von Gold im Bereich der Schneidezähne mit sich herum. Manch ein Zeitgenosse sieht so fast aus wie der Bösewicht mit dem Eisengebiss, damals aus einem alten James Bond Film.

Der Ort Adler bei Sotschi war uns ob der tollen Lage am Meer und nahe des Stadions ein wundervoller Gastgeber. Auch wenn der Service in den einzelnen Restaurants zu wünschen übrig ließ, die bestellten Gerichte teilweise erst nach über einer Stunde auf dem Tisch standen und dann auch noch zeitlich getrennt von den Beilagen, haben sich doch alle Angestellten bemüht und waren ausgesprochen freundlich. Nervig für den ein oder anderen, dass das Rauchen fast überall – selbst auf Gehwegen –  verboten war und alkoholische Getränke z.B. am Strand nur aus kleinen, schwarzen Plastiktüten getrunken werden durfte. Schon aus moralischen Gründen der Umwelt zuliebe eine unglückliche Regelung. Ebenso durfte man es mit den Auskünften nicht so genau nehmen. Zwar sind die Russen pünktlich wie der beste Preuße, aber wenn du zum Beispiel deine Wäsche zum waschen abgibst und die Info bekommst, in 3 Stunden sei selbige fertig, bedeutet dies nicht, dass die Wäscherei in 3 Stunden auch noch geöffnet hat. Dies aber nur am Rande, denn zumeist hat alles hervorragend funktioniert und auch wenn manches von unseren Gewohnheiten abwich, haben wir die Zeit in Sotschi mehr als genossen!

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Tag 11 als Reisetag sollte eigentlich keine großartig Erwähnung finden, wäre da nicht zwei unserer Mitfahrer ein Missgeschick passiert, ihren Flieger zu verpassen. Allerdings nicht um vielleicht 10 Minuten, sondern um einen ganzen Tag. Irgendwie ist es keinem aufgefallen, dass die beiden schon am Vortag hätten zurück nach Düsseldorf fliegen müssen, so standen sie vor ungläubigen Angestellten der Aeroflot und vergleichen ihre Uhren. Immerhin durften sie dennoch abreisen, für stolze Summen, aber Business-Class. Der Rest unserer Truppe von nun noch 31 Personen kam gut in Kasan an. Die Stadt an der riesigen Wolga ist, vor allem um den Kreml herum, eine wunderschöne Stadt. Die Menschen hier sind sehr, sehr freundlich und alles ist nur halb so „teuer“ wie in Sotschi oder Moskau. In Kasan gibt es richtig gutes Essen und es leben ungefähr 1,5 Millionen Menschen in der heimlichen dritten Hauptstadt Russlands. Bei deutlich über 30 Grad kann man sich wirklich nicht vorstellen, dass hier im Jahr mindestens 5 Monate strengster Winter herrschen. Unser Hotel war erneut eine Steigerung zum vorangegangenen und so konnten wir uns perfekt auf das letzte Gruppenphasenspiel mit ein paar Köstlichkeiten und Karaoke vorbereiten. 

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Der 12. Tag diente der Entspannung und die meisten von uns unternahmen eine Bootstour über die Wolga. Dieser Fluss bietet wirklich alle Superlative die man sich vorstellen kann. Mit 3530 Kilometern ist er der längste Fluss Europas, an der breitesten Stelle sage und schreibe 40 Kilometer breit und trotz seiner Größe im Winter oftmals komplett zugefroren. Die Lage an der Wolga macht die Stadt Kasan im Sommer trotz der unglaublich hohen Temperaturen erträglich. Während wir auf dem Fluss dahin trieben, packten russische Familien im Unterdeck ihre Lunchpakete aus. Und wir schlecht vorbereiteten Europäer schauten in die Röhre, denn an Bord wurden weder Getränke noch etwas Essbares verkauft. Der Abend war dann wieder zum feiern da und es ist schon ein seltsamer Anblick, wenn Du morgens um halb drei nach Hause gehst und es ist fast taghell, denn die Nächte im Sommer sind hier äußerst kurz und selten dunkel. 

Vielleicht war es ja ein Omen, dass ausgerechnet der Tag 13 unserer Tour der Schicksalstag über das Weiterkommen bei der WM in Russland sein sollte. Der Gegner hieß Südkorea und unter normalen Umständen macht man sich lediglich über die Höhe des Sieges Gedanken, aber nicht darum, vielleicht tatsächlich noch auszuscheiden. Die Vorraussetzungen waren gut. Mexiko, souveräner Erster in der deutschen Gruppe spielte gegen Schweden. Selbst wenn die Schweden siegen sollten, hätte der Titelverteidiger „nur“ zwei Tore schießen müssen. Doch die letzten Spiele ließen in uns Zweifel aufkommen und diese Zweifel bestätigte sich auf bittere Art und Weise!

Südkorea – Deutschland 2:0 (0:0)

WM-Gruppenphase; Kasan-Arena (45105 Plätze); 41835 Zuschauer

Von Spielbeginn an waren die Südkoreaner mit dem Herzen dabei. Sie kämpften um jeden Ball und dies ZUSAMMEN! Unser Team ließ jeglichen Willen vermissen, manch Spieler (ohne Namen zu nennen) zeigte nichtmal ansatzweise, warum er zu den besten des Landes gehören könnte. Die Südkoreaner verdienten den ganzen Respekt, denn obwohl sie schon vor dem Spiel ausgeschieden waren, gaben sie alles für ihre Farben und für ihre Fans! Mehr muss man eigentlich zum Spiel selbst nicht sagen!

Und wenn die Marketingabteilung beim DFB schon auf Hashtags setzt, die ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollen, dann sollte vor allem Die Mannschaft dieses vorleben! Mal davon abgesehen, dass kein Mensch auf dieser Welt mit einem Hashtag #ZSMMN etwas anfangen kann. Erklärt man es einem Schweden zum Beispiel, lacht der sich kaputt und versucht, dieses zismmmin auszusprechen. Dieser Schwachsinn war ein schöner Schnitt in den eigenen Finger. Sich dann auch noch den Hashtag #BestneverRest zu geben, setzt dem Ganzen die Krone auf, denn man hatte schon seit Einführung dieses Slogans das Gefühl, dass sich Die Mannschaft viel zu oft auf dem Rasen ausruht! Und ja, in diesem Spiel hat es Die Mannschaft vergeigt! Niemand anderes ist daran schuld und zu Die Mannschaft gehört ebenso der Trainer, der Manager (oder wie auch immer die offizielle Bezeichnung von Herrn Bierhoff lautet) und jeder, der Verantwortung für dieses Team trägt! 

Noch etwas persönliches an die Herren Nationalspieler, denn sie scheinen nicht zu wissen, wie viel Arbeit Zeit und Geld in solch einer Vorbereitung steckt. Sie bekommen ALLES hinterher getragen, es braucht sich keiner der Herren um einen Flug oder Hotelzimmer kümmern, noch nicht einmal die Schuhe muss der Nationalspieler selber putzen, geschweige denn, auf eine Massage verzichten! Und dabei hat der Herr Nationalspieler noch nicht einmal 49 Stunden Zugfahrt quer durch Russland hinter sich oder im Flieger seine Beine hinter viel zu eng gestellte Sitze gezwängt. Dieses abgehobene, abgeschottete und verwöhnte Leben hat die Mannschaft so weit vom Fan entfernt, wie es noch nie der Fall war. Und wahrscheinlich schon vor vielen Wochen haben die Herren Nationalspieler offensichtlich keinen Bock darauf gehabt, in Russland mit Leidenschaft den Titel zu verteidigen. Konsequent und ehrlich wäre es gewesen, wenn jeder einzelne Kicker sich vor Monaten hinterfragt hätte und dann vielleicht festgestellt hätte, ich fahre nicht mit, die Motivation reicht nicht. Aber die Spieler, die letztes Jahr den Confed-Cup geholt haben, hätten es 1000 mal mehr verdient gehabt, dieses Jahr dabei zu sein. Mit einer Nationalmannschaft vom letzten Jahr wären wir wahrscheinlich nicht Weltmeister geworden, aber die Jungs hätten Lust drauf gehabt und sich wahrscheinlich den Arsch 1000 mal mehr aufgerissen. Ich hoffe, die Herren Nationalspieler schauen mal durch das Fenster ihres Elfenbeinturmes und nehmen wahr, dass sich der Fussball nicht nur um Marktwerte und Werbeeinnahmen dreht. Das es nicht darum geht, die meisten Follower auf Instagram zu haben, sondern dass es um 90 Minuten, um den Ball und die Leute geht, die sich diese Reisen zu ihrer Nationalelf vom Munde absparen. Die Leute, die wahrscheinlich noch nie eine Klatschpappe in den Händen hatten und sich das Gesicht maximal mit Schweiß bemalen, der vor Aufregung und Mitleiden von der Nase tropft!

Und zum Thema Fans bleibt festzuhalten, dass mehr und mehr Sponsorentickets die ohnehin meist dürftige Stimmung zusätzlich kaputt machen. Gut zu sehen in Moskau, als sich so gar keine Stimmung ausbreiten wollte, vor allem, weil zu viele Eventtouristen unterwegs waren. In Sotschi und Kasan war dies dann schon deutlich besser und der größte Teil der deutschen Fans hat sich stehend und lautstark bemerkbar gemacht. Für meine Begriffe seit 4 Jahren die beiden besten Spiele, reduziert man sie auf den Support vor Ort. Schön wäre es, wenn dieses frühe Ausscheiden auch wieder diejenigen ins Stadion bringt, die Lust drauf haben und nicht mehr nur die, die ein Spiel der Nationalmannschaft als gelungenen Abschluss einer Sightseeingtour betrachten!

Für uns in Kasan heißt es nun Wunden lecken. Flüge und Hotels zu Finalspielen stornieren und die letzten Tage in Russland zu genießen! Und für die Nationalmannschaft wäre ein genereller Neuanfang, auch auf Ebene der Trainer und Manager, dringend notwendig. Und zudem wäre es schön, wenn sich die Marketingabteilung endlich von sinnfreien Hashtags und künstlichen Namen verabschieden würde! Eine bessere Gelegenheit wird es dafür nicht mehr geben. 

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