Unsere Tage 14 und 15 bestanden ausschließlich darin, die Niederlage und das damit verbundene Ausscheiden gegen das keineswegs übermächtige Süd-Korea zu verarbeiten. Da passte es ins Bild, dass am Abreisetag morgens um 7 Uhr die Kaffeemaschine ihren Dienst verweigerte. Wobei diese Zustandsbeschreibung der Kaffeemaschine selbst Unrecht tut, denn nicht die Kaffeemaschine verweigerte ihren Dienst, sondern die Bedienung wusste zunächst nicht, wie man das Gerät zur Arbeit bewegen konnte.

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Vor der Abreise stand jedoch am Tag 14 unsere letzte Stadtrundfahrt der WM-Reise durch Kasan an. Unser sehr informierter Guide vermochte die am Boden liegende Stimmung jedoch nicht zu heben. Im Gegenteil. Wie ein paar Schlücke abgestandenen Bieres schleppte sich die Gruppe durch die wirklich schönen Straßen von Kasan. Eine solch reiche Stadt gibt es in Russland kaum ein zweites Mal. Reich an Kultur, reich an verschiedensten religiösen Einflüssen, reich an geistig anspruchsvollen Köpfen und reich an alten erhaltenen oder wieder aufgebauten Sehenswürdigkeiten. Interessant auch die Beschreibung der islamischen Minderheit und ihrer Lebensweise in der Stadt. Guide Marsel konnte unseren Wissensschatz dahingehend erweitern, als er uns erzählte, dass die Muslime in Kasan zwar Muslime seien, aber nicht streng religiös leben würden. Was zur Folge habe, dass die Muslime in dieser Gegend des Landes nicht nur rauchen und Alkohol trinken, sondern auch bestens mit allen anderen Religionen in der Stadt auskommen würden. Auch das Nachtleben wurde in diesen Tagen nicht nur durch die vielen Touristen angereichert, denn es leben rund 180000 Studenten in der Stadt Kasan. Somit ist die Hauptstadt von Tartastan eine der jüngeren Städte in Russland. Alles in Allem ein sehr schöner Ausflug, der unseren Erfahrungsschatz dieser Reise um eine große Truhe Wissensgold erweiterte. Wäre bloß nicht dieser bleierne Umhang gewesen, den jeder seit Stunden mit sich herum trug. 

Der 15. Tag schließlich machte uns nicht nur noch wütender, sondern beraubte uns auch noch der letzten Illusionen. Während ich vor der Abreise von der Putzfrau des „Hotel Crystal“ in Kasan des Diebstahles von 2 Handtüchern beschuldigt wurde, diskutierten andere zeitgleich noch immer den Zustand des Teams und der sportlichen Führung. Die meisten unserer fußballinteressierten und -kompetenten Truppe gingen fest davon aus, dass es nun auch in der sportlichen Leitung des Teams zu Konsequenzen führen müsste. Doch irgendeine in diese Richtung lautende Nachricht aus Deutschland gab es nicht, statt dessen verdichteten sich die Anzeichen darauf, dass Herr Jogi und sein Oli tatsächlich weiter machen dürften. Als wir in Moskau nach einem entspannten Flug ankamen und wie die Promis mit eigenen schwarzen „Limousinen“ ins eigens zur WM eingerichtete Fan-Camp transportiert wurden, schlug uns erneut eine Faust der Ernüchterung ins Gesicht und sorgte für oben erwähnte Wut. Am Rande der Stadt haben sich vor und während der WM die Jungs und Mädels rund um die Organisation des Fanclub Nationalmannschaft richtig ins Zeug gelegt. Es wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das gesamte Hotel „Holiday Inn“ war ausschließlich für deutsche Fans reserviert und entsprechend geschmückt. Oder wie man heute sagt „gebrandet“. Es fehlte an nichts, es gab Freibier, die Zimmer waren in Ordnung (im Vergleich zu unseren vorherigen Unterkünften in Moskau) und jeder Wunsch wurde irgendwie möglich gemacht. Nachteilig muss man natürlich festhalten, dass durch die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und die Exklusivität leider auch das Unbeschwerte verloren ging. Neben der Lage etwas außerhalb der Stadt und den fehlenden Abwechslungsmöglichkeiten rund herum, meinten einige aus unserer Gruppe zu Recht, dass ein Aufenthalt über mehr als ein paar Tage hinaus zu einem veritablen Lagerkoller geführt hätten. Aber der eigentliche Schlag in die Fresse war die Erkenntnis, dass sich nur noch wenige deutsche Fans nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft im Camp befanden und sich die Stimmung entsprechend, sagen wir mal, einsam anfühlte. In solch einem Umfeld konnten sich Depressionen, Niedergeschlagenheit und Lustlosigkeit schnell ihren Weg suchen und langsam in uns eindringen. Oder eben die Wut auf die Mannschaft potenzieren! 

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Trotz eines weiteren Geburtstages, diesmal meines Geburtstages und des Ausscheidens von Argentinien und Portugals am 16. Reisetag, verbesserte sich die Gemütslage nur unwesentlich. Lediglich die Erkenntnis eines Mitfahrers, der in der Nacht zuvor ein Etablissement für gewissen Stunden aufgesucht hatte, brachte uns zum schmunzeln. Neugierig auf seine Nachtbeschäftigung angesprochen erzählte er ganz freimütig, dass ihn der „Spaß“ 75 Euro und die Fahrt mit dem Taxi gekostet hätte. Allerdings sei es das Schlimmste, was er je erlebt habe. Soweit lässt sich diese Feststellung ja noch irgendwie einordnen, wenn man aber weiß, dass der Gute vor vielen Jahren einmal ein paar Tage in einem iranischen Gefängnis festgehalten wurde, relativiert sich diese Aussage jedoch wieder. Keiner mochte sich vorstellen, in welches Etablissement es ihn da verschlagen hat, wo sich die Männer erst einmal im Kreis stehend den leichten Damen vorstellen mussten…

Der 17. Reisetag stand ganz im Zeichen der Erholung, oder besser gesagt im Zeichen des Wartens. Warten auf den Abflug nach Hause. Selbst der Wunsch nach einer eventuellen Umbuchung der Flüge, um doch etwas früher nach Hause zu kommen, blieb ein frommer. Denn es gab für mehrere Tage nach dem deutschen Ausscheiden keinerlei bezahlbare Flüge, außer, man nahm einen Umweg über mehrere Staaten und Stunden in Kauf. 

Also gingen die einen einkaufen, die anderen machten etwas Sport und wiederum andere versuchten erneut die diversen Wodkasorten in ihrem Aroma zu bewerten. Ich war einer derjenigen, die es mit Sport versuchten. Also Laufsachen an und ab in den Wald. Das schöne am verfluchten russischen Verkehr ist die Tatsache, dass der ständige und übermäßig laute Motorenlärm weithin zu hören ist. Selbst im tiefen Wald war die Geräuschkulisse aus alten Lkw und kaputten Auspuffrohren gut zu hören und somit erleichterte es mir die Orientierung, den richtigen Weg zurück zu finden. Als es jedoch heftig anfing zu regnen und die Tropfen auf das Blätterdach des Waldes fielen, war selbst die überlaute Autobahn in Richtung Moskau-Zentrum nicht mehr zu hören. Kurz fühlte ich mich verloren, aber als der Schauer nachließ, schlich sich auch immer mehr das vertraute Geräusch der Autobahn durch die dichten Bäume. 

Während also die Tätigkeiten unterschiedlicher nicht sein konnten, schlugen sich zwei Mitglieder unserer Reisegruppe Rheinland beachtlich im Dart-Sport. Am Ende konnte unser mitreisender Bayer vor dem mitreisenden Nordfriesen den Sieg in die Reihen der Rheinländer holen. Völkerverständigung 2.0, ob Türken für die Nationalmannschaft oder Bayern für die Sektion Rheinland, Integration ist schließlich alles!

Am Tag 18 dieser Reise nutzen wir das sonnige Kaiserwetter für eine längst überfällige Tour auf der Wolga, die wir jedem Touristen, welcher Moskau besuchen sollte, nur wärmstens empfehlen können und müssen. Vom Wasser aus hast Du einen fantastischen Blick auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wirst blendend und nicht zu teuer verköstigt und auf der 3 Stunden dauernden Fahrt umgehst du jedes Verkehrschaos, welches dich in Moskau jederzeit ereilen könnte. Selbst wenn es gerade keinen Stau in der Stadt gibt, sorgen spätestens die wichtigen Männer des Landes dafür, wenn sie sich mit Polizeieskorte über frühzeitig abgesperrte Straßen chauffieren lassen.

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Der vorletzte und 19. Tag der Tour sollte uns früh morgens mit dem russischen Pendant zum ICE, dem SAPSAN, nach Sankt Petersburg führen. Versprochen wurden Geschwindigkeiten um 350 km/h, gehalten wurden nur für kurze Zeit 220 km/h. Wenn man während der Fahrt die Unebenheiten der Strecke, die vielen kreuzenden Weichen, die kleinen Bahnhöfe unmittelbar an der Strecke an sich vorbeiziehen sieht und weiß zudem, dass jeder Streckenkilometer auch von anderen Zügen genutzt wird ist man froh, dass der SAPSAN nicht schneller als eben jene 220 km/h fährt. Das Vertrauen in die russische Technik, oder besser der Umgang damit, ist im Laufe der letzten Tage nicht eben größer geworden. Wenn man so manch Flickschusterei in Russland mit eigenen Augen sieht, sei es an Fahrzeugen oder stromführenden Gegenständen, ist man jedes Mal aufs neue erschrocken, obwohl sich Russland doch als hochtechnisierten, ebenbürtigen „Gegner“ zum Westen sieht. Aber süss auf jeden Fall die Schaffner, für jeden Wagon mindestens einen, die in ihren grauen Uniformen und weißen Handschuhen einen Hauch von Glamour und Highsociety vermittelten. 

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Leider erwartete uns in Sankt Petersburg strömender Regen. Also ab in den Hopp-on-/ Hopp-off-Bus, um damit bitte möglichst an allen Highlights der Stadt vorbei zu fahren. Denkste! Gut gedacht, schlecht gemacht. Sankt Petersburg erstickte an diesem Tag förmlich im Verkehr. Es war für den Bus kein Durchkommen und nach einer gefühlten Stunde im Stau brachen nicht nur unsere Nerven, sondern brachen auch wir die Tour ab. Aber nicht, ohne vorher mit der längsten Rolltreppe der Welt gefahren zu sein, welche die Oberwelt von Sankt Piet – wie Sankt Petersburg liebevoll genannt wird – mit der Unterwelt der U-Bahn-Station „Admiralskaya“ verbindet. 

Einige von uns verschlug es hernach ins Stadion, wo die Tickets für das Achtelfinalspiel Schweden vs. Schweiz auf dem „Schwarzmarkt“ so weit unter Preis angeboten wurden, dass man für 50 Euro auf der VIP-Tribüne Platz nehmen konnte oder für 35 Euro je Karte im Sitzplatzbereich der Kategorie 1 dem Spiel folgen durfte. Andere von uns verfolgten das Spiel im Pub und ich wurde gegen späten Nachmittag darauf hingewiesen, dass mir bei der Zugbuchung wohl ein Fehler unterlaufen sein musste. Statt am 03.07. um 23:30 Uhr sollten unsere Tickets genau einen Tag später gültig sein. Dies hätte jedoch zur Folge, dass wir unsere Flüge zurück nach Deutschland verpassen würden. Herzklopfen! Plötzliches Schwitzen! Trockener Mund! Flaues Gefühl im Magen… Jetzt wird es aber eng. Natürlich war der Plan, nach einem möglicher Weise gewonnen Achtelfinale noch ein wenig in der Stadt zu feiern. Deshalb sollte es in der Nacht des 04.07. nach Mitternacht zurück in die Hauptstadt gehen. Doch da sich in diesem Zeitraum kein Zug fand, suchte ich damals eine Verbindung kurz vor Mitternacht heraus, ohne jedoch logischer Weise das Datum entsprechend zu ändern! 

Nun schnell das Bier ausgetrunken, den Rucksack mit Laptop geschnappt und ab zum Bahnhof. Dort, so der Gedanke, könnte man mir wahrscheinlich am ehesten helfen. Vor Ort im Servicezentrum angekommen, saßen und standen circa 250 Menschen herum und starrten unentwegt auf ihre Wartemarken. Zwar gab es ungefähr 15 offene Schalter, aber Adam Riese hätte schnell ausgerechnet, dass meine Wartezeit gut eine Stunde betragen hätte. Also meine ganze Mimik in eine tragische Maske der Angst und Verzweiflung gewandelt, dem jungen Volontär in langsamen Englisch die Situation geschildert und auf eine positive Antwort gehofft. Auf meine Aussage hin, dass ich meiner Gruppe Zug-Tickets gebucht habe, die 24 Stunden zu spät gültig wären, fragte er lässig: „Wie viele Leute sind das denn? 3 oder 4?“ Worauf ich ihm antwortete, dass es sich um 12 Personen handele. Da meine russisch Kenntnisse mittlerweile soweit gediehen sind konnte ich gut verstehen, wie er meinen Verstand und meine Doofheit zeitgleich gegeneinander aufwog. Doch dieser jungen Mann war wirklich Gold wert! Über 2 Stunden belagerten wir einen Schalter mit einer typisch russischen, in Uniform gekleideten Matka, die immer wieder herzlich lachen musste oder demonstrativ mit dem Kopf schüttelte. Mit ihrer Hilfe, die jedoch nach 1,5 Stunden einer Pause weichen musste, und der Hilfe einer weiteren netten Dame, wurden alle falsch gebuchten Tickets storniert und für unsere Gruppe je 6 Tickets auf zwei verschiedene Nachtzüge gebucht. Völlig durchgeschwitzt fielen mir Tonnen von Steinen aus der Hose, ich bedankte mich bei Alexeji, der mir im Gespräch erzählte, 18 Tage und 12 Stunden pro Schicht während der WM als Helfer arbeiten zu dürfen. Dafür bekäme der Student vom Staat sage und schreibe 300 Dollar Aufwandsentschädigung, was einem Stundenlohn von ungefähr 1,39 Dollar entspräche! Doch ihn belohne auch der Kontakt mit so vielen fremden Nationen, wie er ihn zuvor noch nie erlebt habe. Dieses Zusammenkommen von so vielen Menschen gibt ihm mehr zurück, als jeder Dollar dieser Welt. Ich zog meinen Hut vor dem jungen Russen und nach über 2,5 Stunden ein paar Scheine zur Belohnung aus der Hosentasche. Diese hatte er sich absolut verdient und auch wenn er diesen Bericht nie lesen wird, ich sage noch einmal von ganzem Herzen: SPASIBA!

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Nun also Nachtzug fahren. Eine russische Normalität, die auf unserer Liste ganz weit oben stand. Durch mein Missgeschick hatten wir einen guten Vergleich, ob in den einzelnen Zügen die selben Regeln gelten oder ob jeder Schaffner sein eigenes Ding macht. Der erste Zug fuhr also mit der ersten Gruppe von 6 Leuten um 20:30 Uhr ab in Richtung Moskau und sollte nach knapp 8 Stunden dort eintreffen. Der zweite Zug mit den restlichen 6 Personen startete um 0:40 Uhr und landete pünktlich um 10:15 Uhr wieder in der russischen Hauptstadt. Während es in unserem späteren Zug ein striktes Alkoholverbot gab, zumindest im Wagon Nummer 8, durften die Mitreisenden im ersten Zug schön gemütlich ein Bierchen heben. Während im zweiten Zug pünktlich das Licht gelöscht wurde und man sich zum Schlafen zwang, holte der Schaffner aus dem ersten Zug an einer der Haltestellen sogar ein paar Bier Nachschub für die 6 Mitreisenden. Wie auch immer, letztlich war es eine großartige Erfahrung, mit solch einem in Russland typisch und alltäglichen Verkehrsmittel zu verreisen. Pro Abteil gab es vier schmale Betten, wobei zwei Personen unten und zwei Personen darüber schlafen konnten. Zumindest in unserem Zug gab es für die oben schlafenden kein „Geländer“ an der Außenseite des Bettes, so dass nach wenigen Zentimetern akute Absturzgefahr bestand. Und da der Zug hin und wieder unvermittelt in die Eisen ging, musste man sich auf die Instinkte des Körpers verlassen, welcher sich auch im Dunkeln gegen einen Absturz wehren musste. Das Sprichwort „ohne Netz und doppelten Boden“ bekam hier eine absolute Daseinsberichtigung. 

Natürlich schlief ich im oberen Bett. Denn die unteren sind bei einer Buchung grundsätzlich günstiger als die oberen Liegeplätze. Und da ich froh war, überhaupt alle Mitreisenden untergebracht zu haben, war dieser Aspekt ein absolut gerne hinzunehmender! Blöd nur, wenn du irgendwann aufwachst, aufs Klo musst und dir plötzlich eines deiner Beine signalisiert, doch gerne einen Krampf kriegen zu wollen. Eine äußerst unschöne Situation, denn hätte sich dieser Krampf durchgesetzt, bliebe einem im Zweifel nur noch übrig, sich einfach in die Spalte zwischen den Betten auf den Boden fallen zu lassen. Aber der liebe Eisenbahngott hatte ein Einsehen und der aufkommende Krampf ließ sich aus dem Bein schütteln. Abgesehen davon sollte man bei solch einer Zugfahrt nicht zwingend auf Hygiene oder Bequemlichkeit bestehen. Denn beides bekommt man zumindest in der 2. Klasse nicht wirklich präsentiert.

Am 20. Tag unserer Russlandtour kamen die letzten 6 Mitfahrer irgendwann gegen 11:30 Uhr wieder in unserem Hotel an. Gerade noch rechtzeitig, sich frisch zu machen, die Koffer zu packen und um im Laufe des Nachmittags in Richtung Flughafen Sheremetjowo aufzubrechen. Der Flughafen war regelrecht überfüllt und entsprechend lange dauerte das Einchecken, das sich kontrollieren lassen und auch der Gang durch die Passkontrolle. Man konnte spüren, dass der Airport aus allen Nähten platzte und die Herausforderung WM im eigenen Land manch Mitarbeiter oder Verantwortlichen den Rest der eigenen Kräfte beraubte. Pünktlich startete unser Aeroflot Airbus in Richtung Düsseldorf und nach gut 3 Stunden landeten wir sicher auf dem Flughafen der Landeshauptstadt. Eine anstrengende, sportlich desaströse, menschlich überraschende, landschaftlich schöne und gruppendynamisch harmonische Tour ging damit zu Ende. Jedem Einzelnen sei gedankt, dass niemand verloren ging, niemand zu Schaden kam und jeder auf den anderen aufgepasst hat. Mit Euch gerne wieder…!

Doch bevor ich die Tasten in Ruhe lasse und Euch diesen Erguss zur Verfügung stelle, möchte ich noch ein kleines Fazit aus verschiedenen Blickwinkeln ziehen.

Ein für mich wichtiger Punkt kommt hier zu erst! Lass keine deiner Klamotten in Russland waschen. Zwei Versuche habe ich mir gegönnt und immer wieder das selbe Ergebnis. Nicht nur, dass es eine Hose bei der Reinigung völlig zerrissen hat, rochen die Klamotten danach irgendwie sehr nach Mottenkugeln. Vielleicht ist dieser zweifache, aber hundertprozentige Fehlversuch eine Ausnahme, aber ich werfe in meinem Fazit mal Zeitgeist gerecht alle Wäschereien in einen Topf. 😉

Aber jetzt mal ernsthaft, fangen wir mit dem Thema Sicherheit und Polizei an: Grundsätzlich kann sich der geneigte Tourist in Russland sicher fühlen. Allerdings hat die scheinbare angeborene Skepsis ausländischen Touristen gegenüber ein geradezu wahnhaftes System der Registrierung und Speicherung von Daten zufolge. Angefangen bei der FAN-ID, für deren Beantragung man eine Menge Daten, inklusive Adresse, Mailadresse und Telefonnummer benötigt, bis hin zur massenweise Kopie der persönlichen Daten beim Check-In in die Hotels des Landes. Da wird nicht nur der normale Rahmen der Datenaufnahme gesprengt, es wird jedes einzelne Blatt des Passes und die FAN-ID kopiert. Für mich persönlich ein bisschen zu viel des Guten und in Kombination mit der massenweise vorhanden Videoüberwachung kein annehmbares Gefühl. Egal wo du stehst, egal wo du gehst oder schläfst, der Staat und dessen Behörden wissen wahrscheinlich darüber Bescheid. Zumal für die FAN-ID ein biometrisches Foto eingescannt werden musste, so dass der Verdacht besteht, dass eine Gesichtserkennungssoftware jeden deiner Schritte in der Stadt transparent machen könnte. 

Ein anderes Thema zum Thema Sicherheit war sicherlich die vorab herauf beschworene Armee der Hooligans, welche sich jeden ausländischen Fan zur Brust nehmen würden und in einer Art Guerillataktik über die Fangruppen herfallen sollten. All dies war für uns nicht sichtbar. Weder haben wir von deutscher Seite irgendwelche Problemfans gesehen und die wenigen „stämmigen“ Schweden oder Russen haben auch keine Probleme bereitet. Daher war diese im Vorfeld geschürte Angst völlig unbegründet, zumal bei der oben beschriebenen Überwachung kein Russe mit Verstand auch nur ansatzweise etwas in dieser Richtung unternehmen würde. Alles in allem, egal ob in dunklen Ecken der Stadt, im Ausgehviertel, in Taxen oder U-Bahnen, man fühlte sich nicht unsicher und es gab keinen Grund zur Sorge!

Das Thema Einheimische soll das nächste sein, auf welches ich eingehen möchte: Zunächst einmal hatten wir zu Beginn der WM den Eindruck, dass die Bewohner des Landes nicht so recht mit dieser Vielzahl an bunten und fröhlichen Menschen umgehen konnten. Doch je mehr die Zeit fortschritt und je mehr man sich von Moskau entfernte, desto freundlicher und neugieriger wurden die Leute. Ein großes Problem stellte natürlich die Sprachbarriere dar. Deutsch sprachen nur sehr wenige, was auch nicht zu verlangen war. Aber selbst englisch war nur rudimentär, wenn überhaupt, zu hören. Gerade im Dienstleistungsbereich, sei es in den Restaurants, Shops oder Hotels, war es schon manchmal ziemlich anstrengend, sich halbwegs vernünftig zu verständigen. Und selbst in Bahnhöfen und Flughäfen, die ja eigentlich für internationale Gäste sprechen, war es schwierig, manchmal ohne die helfenden Stimmen der Volontäre auszukommen. 

Was allerdings auffiel, gerade in den Großstädten, ist der große Wert, den vor allem die Frauen auf ihr Äußeres und die Männer auf ihre Statussymbole legen. So viele aufgespritzte Lippen, dicke, schwarz angemalte Augenbrauen und High Heels habe ich noch nirgendwo gesehen. Vor allem in Moskau ist das Vorzeigen sämtlicher Statussymbole und körperlicher Vorzüge ein offensichtliches Muss. Sicherlich sind die Frauen hübsch anzuschauen, aber sie umgibt eben auch eine Touch Künstlichkeit. 

Was man in Russland gar nicht gemerkt hat, sind die Auswirkungen der EU-Sanktionen. Sicherlich kann man fragen und erfahren, was alles nicht ins Land eingeführt werden darf. Beispielsweise Käse. Der russische Käse ist nicht wirklich lecker, aber über Länder wie Weißrussland wird versucht, diese Barriere zu umgehen, was den ausländischen Käse fast unbezahlbar teuer macht.

Ansonsten kann man von den Russen behaupten, ähnlich sauber und pünktlich wie die Deutschen zu sein. Vielleicht sogar noch einen Tick sauberer und pünktlicher. Man hat den Eindruck, niemand in Russland bricht die Regeln. Wenn man die Russen fragt, widersprechen sie dieser Aussage zwar, aber eigentlich brechen sie die Regeln nur im Straßenverkehr. Dort herrscht, trotz der häufigen Polizeikontrollen, scheinbar Anarchie. Da wird rechts überholt, Vollgas gegeben, telefoniert, geschnitten oder während der Fahrt alles gemacht, außer auf den Verkehr geachtet. Hin und wieder wirst du als Tourist kritische beäugt und sogar im Zweifel zurecht gewiesen, solltest du gegen eine der vielen Regeln verstoßen. Dann gibt es schnell einen gut gemeinten Tip, was dieser oder jener Verstoß an Strafgeldern kosten könnte. 

Ein heikles Thema im Zwiegespräch ist sicherlich der allmächtige Präsident Putin. Da gibt es kein grau, nur schwarz oder weiß. Entweder die Russen vergöttern ihn und lassen keinen Vorwurf zu oder sie lehnen ihn ab und wünschen ihn zum Teufel. Unterhältst du dich mit der einen Fraktion kann es sein, dass Du ganz schnell ausgekontert wirst, wenn du zum Thema Presse- und Meinungsfreiheit Stellung beziehst. Mit voller Überzeugung wird dir dann mitgeteilt, dass es natürlich eine freie Presse im Land gebe und auch jeder demonstrieren dürfe wie er mag. Argumente dagegen werden mit dem Hinweis auf westliche Propaganda abgewiesen. Auch das Thema Ukraine ist dann kein Gutes, möchte man sich den Abend nicht mit lautstarken Streitereien verderben. Auf der anderen Seite gibt es die wirklich aufgeklärten Russen, die zwar Putin ablehnen, aber mit dem System ein Arrangement getroffen haben, um im Leben nicht auf das Abstellgleis zu geraten. Es ist wirklich verrückt, wie die große Mehrheit ohne Kritik im Sog der bisher erfolgreichen WM diesen positiven Effekt mehr und mehr Putin zu gute schreibt. Jener Präsident, der somit ohne großes Zutun seine Position im Volke stärken kann. Man muss also festhalten, obwohl sich Russland von Volkes Seite öffnet, nützt dieser ganze Sommerhype vor allem dem faktischen Alleinherrscher im Kreml.

Hier wären wir jetzt auch schon beim Thema Nachhaltigkeit: Ob sich die russische Wirtschaft an diesem aktuellen Boom und Aufschwung anhängen und diesen weiterführen kann, wird sich zeigen. Wahrscheinlich eher nicht, falls nicht noch ein Megaevent in das Land geholt wird und man damit Arbeitsplätze schaffen oder zumindest sichern kann. Die überteuert gebauten und teilweise jetzt schon in einem eher schlechten Zustand vorhandenen Stadien werden sicher eher weniger nachhaltig genutzt. Am Beispiel von Sotschi darf man festhalten, dass das Olympiastadion nach dieser WM sicher nicht kostendeckend genutzt werden kann. Dafür fehlt schlicht ein potenter Fußballverein, der in einer der Profiligen zu Hause ist. So geht es anderen Stadion auch, die, wie schon in Brasilien, nur für die WM erbaut wurden. Auch das Thema Umweltschutz ist sicher kritisch zu betrachten. Es gibt zwar auf Bahnhöfen und an den Stadion ein System der Mülltrennung, aber gefühlt wird in russischen Geschäften mehr Plastik verbraucht, als wir dies von Deutschland kennen. Auf den Straßen fahren vor allem Autos mit großem Hubraum oder Fahrzeuge, die in Deutschland noch nicht mal auf den Hof des TÜV fahren dürften. Der Gestank von Abgasen in Moskau ist wirklich extrem und die günstigen Erdöl- und Gasvorkommen verhindern sicherlich auch einen umweltschonenden Umgang mit diesen Ressourcen. Apropos zum Thema Umwelt oder besser Gesundheit ein Beispiel: Als ich in einem Imbiss eine gefüllte Teigtasche bestellte und diese samt umhüllender Plastiktüte in die Mikrowelle wanderte, wurde mir dann doch etwas schlecht. So wenig Bewusstsein für schädliche Stoffe hätte ich dann doch nicht vermutet. 

Auf jeden Fall wird sich diese Weltmeisterschaft finanziell für das Land auf keinen Fall gelohnt haben. 10 Milliarden an Ausgaben können niemals in 5 Wochen wieder rein geholt werden. Und für die kleinen Leute, die sich ein Geschäft rund um die Arenen erhofft hatten, waren diese Wochen sicherlich eine Bereicherung, aber nach der WM sind die konsumierenden Fans wieder weg und das ein oder andere Geschäft dürfte seine Daseinsberechtigung verlieren. 

Das Thema Reisen sollte in diesem kurzen Abriss auch eine Rolle spielen. Denn trotz der große des Landes, gibt es verschiedene, mehr oder weniger bequeme Möglichkeiten, sich fortzubewegen. In der Stadt, beispielsweise Moskau oder Sankt Petersburg, ist dies sicher die U-Bahn. Ein toll ausgebautes Netz bringt einen schnell, sicher und vor jedem Taxi ans Ziel. Die zweite Alternative ist sicherlich der Bus, wobei dieser, ebenso wie das Taxi, mit dem oftmals stehenden Verkehr zu kämpfen hat. Das Fahrradfahren entwickelt sich gerade erst, ist aber ebenso wie das Motorradfahren ein sehr gefährliches Unterfangen. 

Außerhalb der Städte ist das Flugzeug sicherlich die beste Alternative. Für kleines Geld, außerhalb der WM jedenfalls, kommt man überall im Land schnell von Flughafen zu Flughafen. Moskau dient hier als Drehkreuz. Eine spannende und auch günstige Möglichkeit ist die Fahrt mit dem Zug. Entweder der SAPSAN zwischen Petersburg und Moskau oder die Schlafwagen, die einen schon fast ausgeruht am Zielort ankommen lassen, wären eine Möglichkeit. Wobei man, wie erwähnt, im Schlafwagen ab der 2. Klasse oder tiefer abgehärtet sein sollte, was Sauberkeit, Bequemlichkeit und Privatsphäre angeht. Die Preise sind, gerade im Nahverkehr, mehr als human, zumindest für uns deutsche Touristen. 

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Apropos Preise und Speisen: Man kann in Russland wirklich gut und günstig, aber auch schlecht und teuer essen. Dies ist dort ebenso, wie in anderen Ländern auch. Aber für kostenbewusste Urlauber gibt es zum Beispiel die „Stolowajas“, kleine Mensas für jedermann, die eine komplette Mittagsspeise inklusive Getränk und Vorspeise für schon 1,60 Euro anbieten. Und es schmeckt noch nicht einmal so schlecht. Mensaessen eben. Aber man kann auch in einem normalen Restaurant, welches nicht unbedingt als Gourmettempel zu bezeichnen wäre, für 40 Euro ungesättigt auf die Rechnung warten. Die Spanne ist hier frei wählbar und groß, was auch für Getränke wie Bier oder Wein gilt.

Das beste Essen gab es meiner Meinung nach rund um Kasan. Dort liebt man scheinbar gute Speisen und man merkt auch, dass diese eine gewisse Tradition haben. Allerdings war das uns angebotene Frühstück in keinem der typisch russischen Hotels überzeugend. Da wird fast überall der selbe Einheitsbrei angeboten und für uns auf Körnerbrötchen konditionierte Deutsche ist das morgendliche Buffet eine Herausforderung. 

Das sportliche Fazit fällt an dieser Stelle kurz aus! Diese WM hat bisher die schlechteste Qualität, die jemals in solch einem Turnier zu sehen war. Die letzten Wettbewerbe haben dies schon angekündigt, aber solch ein mieses spielerisches Niveau wurde noch nie gezeigt. Die deutsche Nationalmannschaft hat sich mit ebenso schlechter Leistung frühzeitig verabschiedet und der angekündigte Umbruch wird sicherlich mit wortreichen Gesten versprochen, aber an der Entfremdung des deutschen Fußball und den abzuarbeitenden Baustellen wird sich nichts ändern. Vielleicht hätten einige Verantwortliche von sich aus Platz machen sollen, doch das selbe Personal wird das „Neue“ maximal mit altem Inhalt versehen und andersfarbig verpacken. Und doch bleibt alles wie es bisher war…

Und das Fazit zum Auftritt der Fans halte ich auch kurz: Mehr Event rund um ein Spiel geht nicht mehr. Mehr Touristen, als bei dieser WM gab es vorher noch nie. So wenige reisende deutsche Fans, aber auch Fans aus England oder Skandinavien gab es ebenso noch nie. Die Südamerikaner dagegen füllten die Stadien und bevölkerten die Städte, feierten sich die Seele aus dem Leib und keiner weiß so Recht, warum oder wie sie sich dies leisten können und konnten. Auf jeden Fall ist es kein gutes Zeichen, wenn Du für ein Achtelfinalspiel VIP-Tickets für 50 Euro auf dem Schwarzmarkt erstehen kannst, weil einfach keine Nachfrage vorhanden ist. Die nächsten Spiele werden zeigen, ob dies nur eine Ausnahme oder ein tatsächlicher Trend war und ist. Aber es ist nicht mehr zumutbar, dass sich Fans für einen Trip zu ihrer Mannschaft verschulden oder vielleicht ihr Leben so einschränken müssen, damit sie sich solch eine Veranstaltung noch leisten können. Ticketpreise wie im Moment sind nicht nur fanunfreundlich, sondern zeigen auch, dass es der FIFA ausschließlich ums Geld verdienen geht. Jede andere Aussage wäre eine Lüge und nur vorgeschoben!

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Abschließend kann man festhalten, dass die Menschen, die in Russland zu Gast waren, zumeist positiv überrascht wurden. Man kann außerdem festhalten, dass die WM immer mehr zum Event verkommt und traditionelle Fans aus traditionellen Fußballländern eher fern bleiben und die entstehenden Lücken von asiatischen Touristen gefüllt werden. Sportlich war diese WM bisher ein absoluter Reinfall, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Übersättigung Spieler und der „Konsumenten“ ist überall spürbar. Schlechter wurde bei noch keiner WM Fußball gespielt! Für die Russen fing die WM erst im Achtelfinale an und von einem fußballbegeisterten Land im gesamten sind sie noch sehr weit entfernt. Letztlich war diese Reise eine insgesamt positive Erfahrung mit einigen Schattenseiten. Ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Abzocke und ganz viel FIFA-Irrsinn! 

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