FC Hansa Rostock – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

DFB-Pokal; Ostseestadion Rostock (29000 Plätze); 24400 Zuschauer (2000 Gäste)

Der letzte DDR-Oberliga-Meister aus der Saison 1990/1991 erwartete im Jahr 2018 den VfB Stuttgart, jedoch nicht in der ersten Liga, sondern im DFB-Pokal. Die 3. Liga ist aktuell das Tagesgeschäft für den Fußball Club aus dem Norden Ostdeutschlands und auch wenn man sich noch immer als der erfolgreichste Ostverein in der 1. Bundesliga bezeichnen darf, sind diese Zeiten gefühlt doch schon eine ganze Weile Vergangenheit. Umso größer war an diesem Tage die Vorfreude auf ein volles Stadion und einen Gast, der vielleicht sogar in einem überragendem Moment schlagbar wäre. Zumal man gerade Stuttgart schon mehr als einmal aus dem Pokal werfen konnte.

Gut „geschlagen“ haben sich die Rostocker schon immer. Sei es in der von den „Dynamo“ Vereinen dominierten Oberliga der DDR oder abseits des Platzes, als man sich regelmäßig ein gepflegtes Kräftemessen mit der Polizei oder den gegnerischen Gleichgesinnten lieferte. Gerade um die Wendezeit herum war vor allem die Szene aus der Hansestadt gefürchtet und weitaus weniger beliebt. Nach Rostock anreisende Züge wurden nicht selten mit einem Hagel aus Flaschen und Steinen willkommen geheißen oder der Gang zum Stadion glich einem Spießrutenlauf. Das sich diese Zeiten mittlerweile geändert haben, ist kein Geheimnis. Aber sollten sich dennoch Gegner finden lassen, wird der harte Rotocker Kern sicherlich nicht nein sagen wollen und einen „guten Ruf“ in dieser Hinsicht genießen die stabilen Jungs mit der Kogge auf der Brust noch immer. Selbstredend gehört Pyrotechnik für die aktive Szene, wie auch in anderen Fußballhochburgen, zum guten Ton und Bild eines Spieltages.

Nun also Stuttgart, die nach einer erfolgreichen Saison mit dem anstehenden Auftakt in Rostock insgeheim nicht so glücklich gewesen sein dürften. Denn immerhin gibt es einfachere Gegner in der ersten Runde des Pokals zu bespielen und gerade im Ostseestadion kann die Stimmung leicht in die eines Hexenkessels driften, so habe ich mir sagen lassen. Also einfach mal rein in die gute Stube und schauen was passiert. Die gute Stube, das Ostseestadion, hat schon viel erlebt. Noch vor dem Neubau durfte man lange Bundesligaluft schnuppern und die mittlerweile nicht mehr so neue, reine Fußballarena an selber Stelle war einer der ersten neu gebauten Stadien im Osten Deutschlands. Aktuell verfügt es eigentlich über 29000 Plätze, doch leider können derzeit nur 24400 davon genutzt werden. Grund hierfür ist wahrscheinlich ein recht seltener Prozess in einer deutschen Fanszene. Früher war es so, dass die aktiven Fans auf der Nordtribüne standen und die Gäste, wie heute auch, in einer Ecke der Südtribüne. Doch irgendwann vor ein paar Jahren zogen die ersten Rostocker Ultras in ihre eigene Ecke auf der Südtribüne, um sich ihrem Support von dort aus zu widmen. Nach und nach wurden aus den wenigen hundert bald eintausend und schließlich so viele Fans, dass man sich immer weiter auf der Tribüne Richtung Gästeblock ausdehnte. Und da man die Gäste und ihren Block nicht einfach so verlegen kann und konnte, existiert heute auf eben dieser Tribüne die Besonderheit, dass sich Heim- und Gästefans nirgendwo so nah sind wie dort. 884980D6-F7C9-4DAE-9B0C-619CC90FB721 Selbstverständlich war es nur eine Frage der Zeit, bis diese Situation eskalierte. Zuletzt beim Pokalspiel vor einem Jahr gegen die Hertha aus Berlin, als sich beide Fanlager nicht nur provozierten, sondern am Ende auch Pyrotechnik von Block zu Block flog. Und dies auch noch zur besten Sendezeit und mit einer amtlichen Spielunterbrechung. Eben wegen solcher Szenen kann leider die gesamte Kapazität des Stadions, auf Grund notwendiger Pufferzonen, nicht ausgeschöpft werden. Okay, ganz einmalig ist dieser Zustand in Deutschland zwar nicht, in Sandhausen liegt der Gästeblock ebenfalls neben dem der aktiven Fans des SVS, aber dieses Häuflein nimmt keine Szene so wirklich ernst.

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Insgesamt betrachtet ist das Rostocker Stadion ein schöner, kleiner Fußballplatz zum genießen. Wenn nicht die unglaublich langen Schlangen an den Bierständen wären, mit Zapfsäulen scheint die Arena jedenfalls deutlich unterversorgt zu sein. 

Zu Beginn des Pokalspieles, welchem ich beiwohnen durfte, zündeten beide Fanlager erst einmal ausgiebig rote Bengalos. Sowohl die Stuttgarter, als auch die Rostocker, so dass ein beeindruckendes Bild entstand. Sehr schön dabei zu sehen, dass sich keiner zu idiotischen Würfen auf das Spielfeld oder andere Zuschauer hinreissen ließ! Sollte es irgendwann einmal einen Werbefilm für richtig angewendete Pyrotechnik geben, hier hätte man genügend Bilder oder Videos als Musterbeispiel aufnehmen können. 

Der Stuttgarter Block war ebenso bis auf den letzten Platz gefüllt und die aktive Szene machte ganz gut Alarm. Allerdings muss man ehrlicher Weise sagen, dass diese akustische Unterstützung nicht oft zu hören war, denn die Ultras Rostock und teilweise auch das ganze Stadion gaben von der ersten Minute an alles! Natürlich spielte der Spielverlauf den überwiegend weiß gekleideten Fans in die Karten, denn schnell führte die Kogge mit 1:0 und damit war der Grundstein für eine fantastische Atmosphäre und immer wiederkehrende Pyroeinlagen gelegt. 09D1B577-3DED-4EFA-97CE-C1C6BAACAC07

Bemerkenswert, dass durchgängig der gesamte Supportblock der Rostocker am Ball blieb. Dazu passt die Anekdote eines befreundeten Rostockers, der mir erzählte, dass es den ein oder anderen Verirrten hart erwischt habe, als dieser im Block der Ultras zwar durch Anwesenheit, aber nicht durch Engagement glänzte. Ich glaube, diese Form der Motivation gibt es nur in wenigen Szenen Deutschlands. Aus Magdeburg ist Selbiges überliefert und der Szene in Dresden oder Frankfurt traue ich diese Kompromisslosigkeit gegenüber Touristen im eigenen Block ebenso zu.

Zu Beginn der zweiten Hälfte war dann ein großes Spruchband auf Seiten der Hanseaten zu sehen. Man darf gespannt sein, was da in den Kurven in nächster Zeit noch passiert. Denn die selben Worte wurden einen Tag später auch von den Kölner Fans in Berlin gewählt: 

„DFL, DFB und Co., ihr werdet von uns hören!“

Wie schon das gesamte Spiel über waren die Stuttgarter zwar deutlich mehr in Ballbesitz, aber richtig gefährlich wurden sie nie. Weder Gomez noch seien Kollegen konnten wirklich Gefahr erzeugen. Die Rostocker ihrerseits taten, was sie tun mussten. Sie kloppten jeden Ball raus, warfen sich in jeden Schuss und hatten hier und da das nötige Glück. Wenn es dann mal läuft, funktionieren auch die ein oder anderen Konter in solchen Spielen. Die Hanseaten brauchten nur einen und der hatte gesessen! Letztlich verdient und absolut sehenswert ging man mit 2:0 in Führung und der Rest des Spieles war eine einzige große Party in blau und vor allem weiß! Wenn man mich fragen würde, für mich gehört Rostock mit diesen Fans mindestens in die zweite Liga! Diese tolle Stadt und vor allem die oft aus ganz Meck-Pomm anreisenden Zuschauer hätten es verdient!

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