Anfang September in Deutschland, Herbststimmung in der Fussballlandschaft. Nach der aus deutscher Sicht enttäuschenden und teilweise an Frechheit nicht zu übertreffenden WM in Russland, stehen die Zeichen auf Neuanfang. Zumindest wird diese Begrifflichkeit allerorten im Zusammenhang mit der deutschen Nationalmannschaft in den Mund genommen. Immerhin mehr als 2 Monate hat sich die sportliche Führung um Löw und die Administration um Oliver Bierhoff Zeit gelassen, alle Schwachpunkte und Problemfelder zu analysieren, so zumindest konnte man nach dieser langen Zeit der Aufarbeitung meinen. Auf einer ungefähr 3 stündigen Pressekonferenz wurde zwar viel erzählt, aber wenig gesagt. Ein bisschen Personalreduzierung hier, eine minimale Änderung am Spielsystem dort und Herr Bierhoff verspricht, die Stimmungen rund um Begrifflichkeiten wie „Die Mannschaft“ noch einmal zu analysieren. Allein diese Aussage zeigt deutlich, wie sehr man sich mittlerweile entfremdet hat! Wenn man noch immer nicht das deutliche Meinungsbild über Hashtag-Kampagnen wie die des Kunstbegriffes „#zsmmn“ ernst nimmt und dies erst einmal analysieren muss, hat man die Zeichen der Zeit nicht verstanden und erkannt. Das geäußerte Vorhaben, für mehr Identifikation zu sorgen, verkommt so schon von vornherein zu einer hohlen Phrase. Im Gegensatz zu Löw, der Konsequenzen und Lösungen auf dem Platz präsentieren kann und muss, hat Oliver Bierhoff keinen einzigen Lösungsansatz benennen können und dies lässt vermuten, dass es einfach so weiter geht wie bisher.

All dies und noch viel mehr beschäftigte unsere kleine Reisegruppe auch auf dem Weg nach München. Wohin früher locker 50-60 Fans mitfahren wollten, gerade, wenn es ein Länderspiel in München zu sehen gab, wollten sich zu diesem Spiel keine 15 Mitfahrer aus dem Rheinland auf den Weg machen. Obwohl es gegen den amtierenden Weltmeister mit all seinen Stars ging, obwohl eines der interessantesten Stadien Deutschlands der Spielort sein sollte, war die Enttäuschung und das verlorene Vertrauen in die Nationalmannschaft scheinbar größer, als die Lust, den weiten Weg auf sich zu nehmen. 

Da sich ein Bus bei der Personenzahl nicht gerechnet hat, fuhren wir mit dem Zug gen Süden. Schon früh wurden die ersten kalten Getränke gereicht und einer älteren Dame im Spass erklärt, es fände ein Gruppenausflug der anonymen Alkoholiker statt, ohne zu wissen, dass wir damit in einen Fettnapf traten. Denn die Dame gab zu verstehen, dass sie sich die Mitgliedschaft in solch einem Club für ihren Stiefvater gewünscht hätte, der selber Hardcore-Alkoholiker gewesen sei. Letztlich hatten wir bis nach München reichlich Spass und auch die Dame wollte letztlich nicht mehr von unserer Seite weichen. 

In München angekommen bezogen wir unser Hotel und setzten unseren Ausflug im zweitgrößten Biergarten der Welt fort. Dort wurde man zwar darauf hingewiesen, dass Junggesellenabschiede nicht erwünscht seien, aber gegen Fußballfans hatte man wohl nichts einzuwenden. AE3CCA4C-2B65-4A08-AAF4-6BB8A0BD0382 Auf jeden Fall spielte das Wetter mit, so dass die weiteren Kaltgetränke dankbar angenommen wurden. Vom Biergarten ging es dann mit der U-Bahn raus aus der Stadt. Und das ist nach wie vor einer der Mankos der neuen Fußballarena der Bayern, die ewige Anreise in die Ödnis des Münchner Umlandes. Leider waren die Ausfälle in unseren Reihen proportional größer als sonst, denn während eine Mitfahrerin krankheitsbedingt schon nach dem Biergartenbesuch das Hotel aufsuchen musste, ereilte auch ein weiterer unserer Mitfahrer das Schicksal, das Spiel nicht sehen zu dürfen. Allerdings nicht aus Krankheitsgründen, sondern eher aus einem Zwiegespräch heraus, in dessen Verlauf man sich nicht zu einer gemeinsamen Meinung durchringen konnte und der längere Arm von beiden Diskutanten daraufhin den Zutritt zum Stadion verwehrte. Fingerspitzengefühl und etwas Sensibilität hätten woanders sicher zu einer Einigung geführt. 

Deutschland – Frankreich 0:0 (0:0)

Nationsleague; Allianz Arena (70000 Plätze); 67485 Zuschauer (700 Gäste)

Für den verbliebenen Rest hieß es nun erneut zu versuchen, so etwas wie Stimmung zu erzeugen. Letztlich standen gut 50 oder 60 Menschen im Fanblock und versuchten, der Mannschaft mit ihrer Anfeuerung einen Vorschuss an Vertrauen zu übermitteln. Streckenweise war die Atmosphäre für ein Heimspiel sogar ganz okay. Erneut wurde vor dem Spiel eine Choreographie über alle 3 Ränge hinter dem Tor gezeigt, die sicher ganz nett anzuschauen war. Dennoch wage ich zu bezweifeln, dass die Spieler sich hiervon besonders motivieren lassen, gibt es doch schon seit längerem zu jedem Spiel eine solche Inszenierung. Weniger ist manchmal mehr und das Besondere findet man meist nur in der Seltenheit. 

Im Spiel selber setzte sich anfangs die lethargische Vorstellung der WM fort. Hätte der Weltmeister das ein oder andere Mal konsequenter gehandelt, hätten die Franzosen sicher hier schon in Führung gehen können. Die Nationalmannschaft versuchte, anders als angekündigt, erneut durch viel Ballbesitz das Spiel zu kontrollieren und setzte viel zu selten die schnellen Außenspieler ein, um deren Geschwindigkeit in einen Vorteil zu verwandeln. 255809FE-1EBD-4316-AAF3-1805D0D42D08 In der zweiten Halbzeit wurde es dann deutlich besser und beide Torhüter konnten und mussten sich durch einige gute Paraden auszeichnen. Letztlich könnte dieser eine Punkt im Kampf um den Gruppensieg zu wenig sein, für die Franzosen dürfte damit das schwerste Spiel gespielt sein und auf deutscher Seite wird man abwarten müssen, ob sich wirklich etwas dauerhaft am Auftreten ändert und man auch die nächsten Spiele konsequent und mit breiter Brust bestreiten wird. 

Der weite Weg nach dem Spiel zurück zum Hotel kostete die letzten Kraftreserven und die meisten waren froh, im Bett zu liegen oder eine heiße Dusche genießen zu dürfen. Am Folgetag stand vormittags die Rückfahrt an und das Kapitel München war damit auch schon wieder beendet. 

Das Kapitel „Aufarbeitung“ und „Neuanfang“ hingegen ist noch lange nicht beendet! Viele Fans, die sich nicht nur mit einem halbwegs schönen Spiel zufrieden geben, werden die kommenden Wochen genau beobachten, wie sich nicht nur die Mannschaft, sondern auch der DFB in Zukunft präsentieren wird. Zwar sind die Tickets für die Spiele im Herbst verkauft und die Anstoßzeiten stehen fest. Doch spätestens im neuen Jahr wird sich der DFB daran messen lassen müssen, ob die gemachten Fehler wiederholt werden, die geplante Annäherung an die Fans tatsächlich stattfindet und das überbordende Marketing auf ein erträgliches Maß zurück gefahren wird. 

Die Anstoßzeiten, auch wenn diese von der UEFA oder FIFA vorgegeben werden, sollten grundsätzlich an den jeweiligen Spielort und damit seine Erreichbarkeit angepasst werden, am besten so, dass auch kleine Kinder nicht spät abends davon ausgeschlossen werden müssen, weil die Spiele erst um kurz vor 21 Uhr beginnen. Natürlich hat sich der DFB an die meisten von den Verbänden vorgegebenen Anstoßzeiten zu halten, aber er kann sicherlich als Mitgliedsverband der UEFA oder FIFA intervenieren und damit die Interessen der deutschen Fans offensiv vertreten. Diese Handlungsweise wäre ein starkes Zeichen. Erst Recht, wenn man die Freundschaftsspiele, auf die man selbst Einfluss haben müsste, zu vernünftigen Zeiten ansetzt. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist das kommende Spiel in Sinsheim gegen Peru, welches perfekt um 18 Uhr hätte gespielt werden können, nun aber erst um 20:45 Uhr angepfiffen wird. Für weit gereiste Fans, die am nächsten Tag Schule haben oder arbeiten müssen eine Zumutung. Zumal man von dort nur sehr umständlich und fast ausschließlich per Pkw oder Bus wieder in andere Landesteile reisen kann.

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